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Die Fransen der Strukturen

Im Süden Südtirols, an der deutsch-italienischen Sprachgrenze, haben sich vor mehr als 900 Jahren mehrere Gemeinden zur Generalgemeinde Fleims zusammengeschlossen. Die damals getroffenen Abmachungen – über Ortsgrenzen hinweg und parallel zu den Strukturen der politischen Gemeinden – regeln bis heute die kollektive Nutzung etwa von Wald und Weide. Im folgenden Essay untersucht die Philosophin Florentina Hausknotz diese einzigartige autonome Struktur und bringt das Fleimstal in Verbindung mit Ojuelegba, einer belebten Kreuzung in Lagos.

Dieser Text ist das Abenteuer eines radikalen Vergleichs. An der Grenze des Sprechbaren, am Abgrund zum Materiellen wird die Frage nach der organisch gewachsenen menschlichen Behausung gestellt, die Frage nach den Möglichkeiten eines gegenwärtig immer unmöglicher erscheinenden Zusammenlebens. Einerseits möchte ich kleine Gemeinden in Südtirol und ihre kreativ-pragmatischen Organisationsformen als Denkanstoß setzen, andererseits ihre Verwandten – wild gewachsene Städte, Orte des schwierigen Überlebens, sich beständig selbst generierende Systeme – betrachten, begreifen und verwandeln. Ziel ist es, auf nicht permanente Essenz, eine Chance auf Leben im Provisorischen hinzuweisen. Dieser Text beginnt mit einer kurzen Reflexion zum Forschen in der Philosophie. Anschließend wird eine Darstellung der Nicht-Laborsituationen folgen, um meinen Fragen, in Richtung Erforschung des Möglichen, Trittbrett zu sein.

Philosophie
Stadtwissen ist niemals Selbstzweck, es ist An-Statt-Wissen, eine denkende Form befreiender Praxis. Es sind jene der rechten Schreibung und Denkung nicht mehr Fähigen, die bereit sind, dieses neue grenzenlose Forschen hervorzubringen. Die StadtforscherIn beginnt dort, wo sie ihre Prägungen nicht nur ablegt, sondern sabotiert, das eigene Werte- und Lebenssystem zerfallen lässt, die Dekonstruktion aller Sicherheiten beginnt.
Philosophie wird damit als ein Denkakt verstanden, der mit Gewalt das Leben der TrägerIn an sich nimmt, kompromisslos die Aufgabe eines Wohlfühlkörpers, zugunsten eines der Askese versprochenen, erzwingt. Die Philosophie ist damit immer schon eine Wissenschaft der Stadt, der Stadt in dem Sinn, als es die sich aufdrängenden Dinge sind, die im Denken verarbeitet werden. Die Stadt ist damit niemals der bloße Gegensatz zum Land – das seinerseits auch keine feststehende Entität ist –, sondern sie ist eben jener Ort, an dem Kritik durch erzwungene Materialdichte möglich wird.
Die Philosophie ist die Denkungsart der Revolte, sie ist das Wissen, das Gegebenes nicht hinnimmt, sondern Ungerechtigkeit anprangert. So möchte ich die Philosophie mit Alain Badiou1 sehen. In der Philosophie nimmt die Nachdenkende immer wieder Anlauf, beobachtet die sich überlagernden Formen des Gegenwärtigen, um ihnen die Form des Arguments aufzudrängen, um die Welt zu strukturieren. Es ist jedoch Teil dieses Anspruchs auf Totalität, ein Element der Suche nach dem Universellen, ihre Endlosigkeit zu sehen. Die Philosophie wird damit zu einem Wissen, das immer zum Teil die ganze Wahrheit sehen kann. In dieser Entscheidung jedoch, um ihrem anderen Ziel der Revolte, dem Nichtannehmen von Ungerechtigkeit, verbunden zu bleiben, findet das Denken Wahrheit. Die Philosophie erlaubt es, mit Badiou gesprochen, die Wahrheit des Moments zu sehen, um daraus Handlungen folgen lassen zu können.

Situation
Ausgehend vom Südtiroler Fleimstal hin zu Lagos möchte ich den Ideen der Menschen nachziehen. Tausende Orte könnten von Interesse sein, die gewählten werden aber beispielhaft, da sie unterschiedlicher scheinbar nicht sein können und so die Allgemeinheit der These, die Allgemeinheit der gestellten Aufgabe offensichtlich wird. Ojuelegba, eine belebte Kreuzung in Lagos, sowie die Gemeinden des Fleimstals sind als lebendige Monumente und Orte erhalten, da sie Pragmatik auszeichnet, sie sind am Moment orientiert. Das geschichtliche Überdauern und Funktionieren einer Situation kann sichergestellt werden in der Verabschiedung des Wunsches nach Beständigkeit und der Orientierung am aktuell Benötigten.

Fleimstal
Das Fleimstal zeichnet sich aus durch sozusagen schwierige Lebensumstände. Da sind die Berge, eine gewisse Abgelegenheit vom Arbeiten des Massentourismus, sowie die zugehörigen Gemeinden, die durch die Sprachgrenze zwischen Deutsch und Italienisch verbunden und geteilt sind. Das Fleimstal ist damit Ort des beständigen materiellen Aushandelns, es mussten Abkommen geschaffen werden, die außerhalb der Sprache funktionieren, genauso wie Formen des kommunalen Denkens unabdingbar wurden, da nur das gemeinsame Überleben möglich war (ist?). Man fasste den Entschluss, das verwendbare Holz in passendem Maß aufzuteilen, sodass sich die Architektur als organisch fortwachsende Infrastruktur zeigt, die sich den Rundungen der Berge anpasst, keinem Plan je entsprochen, sondern sich situationssensibel ausgerollt hat, um denen, die es nötig hatten, Behausung zu sein, Schutz zu bieten. Womit man es folglich in diesen Gemeinden, durch ihre Bauform, zu tun hat, ist eine besonders menschenfreundliche Form von Stadt, ja genau, von Stadt, da diese Gemeinden viel eher Orte des Aushandelns und Produzierens sowie der Kreativität sind als so mancher versteinerter Innenstadtbezirk, der seine Stadtfunktion schon lange verloren hat, um sich den Anschein eines Museums zu geben. Es ist eine „Stadt der Menschen“2, die im Fleimstal existieren kann und langsam in Schwierigkeiten gerät, da ihr eigentümliches Funktionieren auch mit ihrer Unabhängigkeit nach außen hin zusammengedacht werden könnte. Diese Unabhängigkeit gerät in allen Gegenden dieser Welt ins Wanken, sie zu konservieren ist dennoch verkehrt, da Lebendigkeit und der Moment die zentralen Themen des Erschaffenen waren und ein Weiterdenken in eben diesen Traditionen niemals das Vergehen eines Anklammerns begehen darf, um sich weiterhin ernst nehmen zu können.
Was theoretisch und im Denken vom Fleimstal gelernt werden kann, ist, zuallererst die Veränderung zu begrüßen, um ein neues Abenteuer einzugehen, eine neue Szenerie zu erschaffen. Weiter bedeutet dies eine Hinwendung zum Ding. Es ist das Verwendbare, das aufgeteilt, umverteilt und in diesem Prozess der direkten Demokratie sichtbar wird. Diese Demokratie ist deswegen direkt, da sie in den alltäglichen Verrichtungen passiert, die in jedem Moment einen Hinweis geben auf gelebte Autonomie, die fruchtbare gegenseitige Abhängigkeit ist. Im Fleimstal gibt es eine Tradition des sachorientieren Zusammenspielens, die Ziel und Ausgangspunkt in tatsächlichen Fragen des Zusammenlebens findet, sich nicht aus Vorstellungen speist. Max Weber beschreibt eben dies, wenn er die Bürger – und ja, es waren eben nur solche, Bürger ohne I – seiner mittelalterlichen Stadt bespricht. In der Antike sind es die besitzenden Bauern, die sich im Verband zusammenfinden, um in der Stadt, ihrem Zentrum, dem Ort, an dem der Gebrauchswert ihrer Waren realisiert werden kann, funktionierende Strukturen zu schaffen. Man könnte in diesem Fall ganz lapidar sicher auch von Biertisch-Demokratie sprechen, da man sich nach getaner Arbeit zusammenfindet, verhandelt, auf der Basis des funktionierenden Privaten Öffentlichkeit schafft. Im Mittelalter ist der externe Besitz nicht mehr zentral und Weber lässt damit auch eben um diese Zeit das kapitalistische System beginnen. Was gleich bleibt, ist entweder die materielle Grundlage des bäuerlichen Daseins, die als Argument mit in den Stadtrat genommen werden kann, oder aber die Fähigkeit zum geschickten Spiel mit den Materialitäten, die der junge Kapitalismus fordert. Mächtig sind nicht jene, die den Fluss irgendwelcher Vorstellungen beherrschen, sondern die am Ort und im Tun Bauenden.3
Und es ist die Architektur der kleinen Orte im Fleimstal, die immer noch vom Vorhandensein dieser Tradition Zeugnis ablegt. Es sind zufällige Verdichtungen in Form von manchmal unwirklich erscheinenden Zwischenräumen und aus sich heraus wachsenden Bauten. Eine Nahbetrachtung von Walter Niedermayrs (der in seiner Fotografie das sprachlich nicht Fassbare „formulieren“ kann) fotografischen Studien zu den Orten Truden und Varena kann der sprachlichen Krücke vielleicht aushelfen, das Tatsächliche und Dingliche näher bringen. Was ist zu sehen? Das erste Bild einer Reihe von Fotografien (nicht zu Austellungs-, sondern zu Studienzwecken), das mir ins Auge fällt, zeichnet sich aus durch Dachkonstruktionen, die fragmentierten Zwischenraum entstehen lassen, es passiert Interaktion, überdachter Raum, der nicht geplant ist, eine öffentliche Halle, die jedoch Luft zum Atmen lässt, währendsie Inseln der Geborgenheit schafft. Das Private rückt in dieser Zusammenstellung von Konstruktionen so eng aneinander, dass neuer Raum passiert, fühlbar wird, das Gemeinsame bezeichnet, das dennoch nicht definitiv ausgedrückt werden muss. Damit sei erstens festgehalten, in der Sehnsucht nach Schutz und Nähe passiert das Gemeinsame, das so niemals repressiv ist, sondern sozusagen ein Sich-Anziehen, das Freiraum lässt, ein mit spitzen Elementen zerschnittenes Innen der Dorfgemeinschaft ist, Demokratie, die ihren Mut aus den Dingen zieht, die bereits begonnen haben zu interagieren.
Auf einem zweiten Bild sind es dunkle Gänge und Unterführungen, die mich aufmerksam werden lassen. Wiederum falten private Innenräume sich zusammen, Verstecke werden erlebbar. Diesmal sind nicht offene Hallen zu sehen, sondern Orte des Beschütztseins. Mystische Kräfte ziehen die BetrachterIn in das Warme und Geborgene dieser Situationen. Zweitens soll damit festgehalten sein, dass Schutz entsteht, wieder nicht als geplanter und einschränkender, sondern durch den Umstand, dass sich die Architekturen aufeinander zubewegen, mit dem Wachstum der Familien sich ausdehnen, Raum um Raum unbeabsichtigten Unterschlupf erzeugen, Wärme, Gemeinsames, das nicht, wie oben beschrieben, Treffen provoziert, sondern in Zeiten der Krise Enge und Wärme bieten kann.
Es ist damit das durch intuitives und am Moment orientiertes, auch provisorisches Bauen entstehende Stadtwerk, das in Walter Niedermayrs Fotografien sichtbar wird und er kann so verdeutlichen, dass Situationen, die nicht von Herrschaft strukturiert sind, sondern vom freien Spiel der Mächte, eben jenes Gemeinsame hervorbringen, das der zeitgenössischen Stadtplanung zumeist abhanden gekommen ist.

Ojuelegba – eine Kreuzung im Herzen von Lagos4
Diese Frage drängt die Kreuzung auf: Wie kann die Konfrontation mit dem völlig Unerwarteten passieren? Wie im schnellen Wechsel dem Gegenwärtigen antworten?
Die Konfrontation mit dem Unvorhersehbaren passiert im Erschaffen eines lebendigen Ritus, sie ist das konkrete Überschreiten von allgemeinen Grenzen. Stadt als wandernde Grenze ist kein in seiner Totalität beschreibbarer Umstand. Stadt ist immer etwas, das passiert. Stadt kann, in einer möglichen Version, beschrieben werden als erstens Existierende, weil sie ein Ort der Verwitterung, des Bauens und nicht des Festlegens durch nur ein Wort ist. Zweitens ist die Stadt geprägt durch Dichte und drittens ist Stadt als Tun, als etwas, das passiert, Kritik, Grenzüberschreitung. Die fordernden Umwelten unserer Beispielfälle unterstützen damit eine neue Form von Demokratie, die abseits von Gesetzestexten im Nichtsprachlichen und Dinglichen sowohl passieren muss als auch passieren kann.
Bibi Bakare-Yusuf und Jeremy Weate („Ojuelegba: The Sacred Profanities of a West African Crossroad“) beschreiben das Verständnis von Orten in Nigeria als stark an deren jeweilige Namen geknüpft. Namen sind Organisationsstrukturen. Ojuelegba bedeutet das Auge oder der Schrein des Esu Elegbara (Elegba). Elegba ist eine Schwindlerin im Lebenssystem der Yoruba, sie trägt die Macht der Worte und vermag zwischen der irdischen und himmlischen Welt zu übersetzen. Ojuelegba, die Kreuzung, ist ein Knotenpunkt in Lagos, der sich durch seine multiple Nutzung auszeichnet. Verschiedenste Waren werden verkauft, es herrscht dichtester Verkehr, der ohne Ampeln auskommt oder auskommen muss, die Klanglandschaft ist geprägt durch die Melodien von Gebeten, Popmusik und Autohupen. Die Kreuzung erscheint im raschen Wechsel ihrer Elemente nicht mehr als Ort, sondern vielmehr als Bewegungsform. Elegba ist nun niemand, die ordnend eingreift, sondern sie treibt an, Entscheidungen zu treffen, Elegba führt die Menschen zum Marktplatz, nur um eben jene dort die Orientierung verlieren zu lassen.5

Erkenntnisprobleme
Wie kann in einer sich beständig bewegenden Kreuzungswelt erkannt werden? Um Ojuelegba zu verstehen, braucht es weniger eine Wissenschaft von den Orten als eine von den Rhythmen. Henri Lefebvre spricht im Zuge seiner Rhythmusanalyse6 von einer Erkennen-Wollenden, die sich in das Chaos einer Stadt wirft, zuerst jedoch nicht zu erkennen vermag, bis sie ihre geschulten Ohren an die Situation gewöhnt hat und Regelmäßigkeiten ausmachen kann. Es geht mithin nicht um eine Wissenschaft des Auges, sondern um ein Er-Hören. In der Verabschiedung vom Sehsinn soll die gebundene Perspektive, die der Sehsinn erzeugt, aufgelöst werden, um der Mannigfaltigkeit des Denkens Platz zu machen. Wie sich einlassen? – Materialistische Religion? – Eine Form von Religion, die das Wagnis eines sich Einlassens erlaubt?
Kwasi Wiredu geht in seinem Denken davon aus, dass es eine biologische Grundlage gibt, auf der Menschen miteinander kommunizieren können. Kommunikation, Kommunikation zwischen Menschen unterschiedlicher Kultur, kann funktionieren, so Wiredus Argument, weswegen von einem universellen Fundament als Ermöglichungsgrund ausgegangen werden muss.7 Es sind reflektierte Auffassungskraft, die Möglichkeit zur Abstraktion, zu Deduktion und Induktion, die Wiredu als Rahmen des Sprechens und Lebens beschreibt. Auf dieser Grundlage wird es nun möglich, eine spezielle Form von Universalismus zu finden, die weniger in der Allgemeingültigkeit einmal gefundener Aussagen besteht als in einer besonderen Art mit Begriffen umzugehen, diese nämlich immer als Übersetzungsaufgabe zu verstehen. Es braucht damit eine neue Sprache, die Übersetzung ist, als Baustelle verstanden werden muss (Étienne Balibar).8 Wann genau funktioniert Kommunikation? Wenn es Themen gibt. Dieses Worüber können Normen des Zusammenlebens sein, womit mit Wiredu festgehalten sei, dass das Potential zur Sprache ebenso als Potential zum Zusammenleben verstanden werden kann. Das Potential zum Sprechen und das, was Wiredu ein allgemeines Mitgefühl nennt, sind der Grund dafür, dass Zusammenleben auch funktioniert. Moral, so Wiredu, steckt in allen Formen von Gesellschaft, die funktionieren. Womit ich zu Ojuelegba zurückkommen möchte, auch auf dieser Kreuzung passiert, zumindest in Maßen, zu den Momenten, an denen sie funktioniert, diese Minimalmoral. Die Kreuzungsmoral braucht Elegba, da nicht auf eingeübte Rituale zurückgegriffen werden kann, die das Existieren Wiredus Minimalmoral sichern, es bedarf aufgrund der Schnelllebigkeit des Ortes Elegbas Verwirrungsspiel, das jede Einzelne sich in einem Sammelsurium von Kreuzungselementen erkennen und bewegen lässt, das Situationssensibilität und Wachsamkeit einfordert, das die TeilnehmerInnen am Geschehen dazu auffordert, einander als Agierende eines Ensembles wahrzunehmen.

Materialismus
Die Akan – das Volk und die Sprache, in die Wiredu geboren wurde und mithilfe welcher er seine Kritik der Begriffe entwickelte – leben weniger mit einem Gott als mit einem kosmischen Architekten, so Wiredu. Er nimmt sich lediglich des bereits vorhandenen Materials an. Dieser Architekt wird nicht verehrt, sondern stellt mit anderen mächtigen Wesen eine Art Dienstleistungsunternehmen dar. Diesen Mächten wird mit Respekt begegnet, worauf ihre Unterstützung zu erwarten ist. Verliert eine dieser Wirkungsfiguren ihre Macht, positiv auf das Leben der Menschen einzuwirken, verliert sie oder er auch die Gaben der Menschen. Im Akan als Sprache kann es keine Götter geben, da diese Sprache von Existierendem immer nur als von einem an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Art, in einem Kosmos Existierenden zu sprechen erlaubt. Götter sind damit Teil der allgemeinen Lebenswelt. Womit das Verhältnis zwischen Elegba und ihrer Kreuzung erneut klarer erscheint: Physisches und Metaphysisches bedingen einander nicht nur, sondern sind untrennbar vermischt.
Orte, die nicht nach allgemeinen Regeln funktionieren, sind von dieser Form eines utilitaristischen Glaubens abhängig.9 Die Sicherheit, die eine verflüssigte Kreuzungswelt bieten kann, lässt sich nicht in klaren Richtlinien des Verhaltens ausformulieren, sondern im Glauben an die Chance, dass man sowohl mit Menschen ins Gespräch kommen, sich orientieren lernen kann, sowie davon ausgegangen werden muss, dass Wiredus Grundmoral gilt, die nichts Konkretes verbietet, jedoch verlangt, sich als Teil einer offenen Gruppe zu verstehen. Die Überschreitung allgemeiner Grenzen passiert im Sich-Einlassen auf unstrukturierte Situationen. So verstandene Kritik oder Aufklärung erlaubt es, einen Prozess in Gang zu bringen, der, auf der Suche nach Lösungen, immer nur Halt macht bei dem im Moment am besten Funktionierenden, um dieses Funktionierende jedoch darauf gleich wieder dem nächsten Prüfungsverfahren zu unterziehen.
Am Ende sei noch einmal der kosmische Architekt bemüht. Er ist Weltenbauer, kein Erschaffender. Wir folgen einem Beispiel, bergen uns in Vorhandenem, erleben Freiheit im Umformulieren der Ausgangsbedingungen. Ob praktisch orientiertes Bauen im Fleimstal oder Hausen nach dem scheinbaren Ende der Planung in Lagos. Denken und Freiheit, Demokratie und Autonomie, sie passieren nicht im Vorstellen, sondern im Tun, dazwischen leben die Räume der Zukunft.

1 Badiou, Alain: „Die gegenwärtige Welt und das Begehren der Philosophie“. In: Politik der Wahrheit. Wien: Turia & Kant, 2010, S. 8
2 Negri, Antonio; Alliez, Eric: „Krieg und Frieden“, In: Lettre International 22. 2002, S. 22
3   Max Weber, Die Stadt, ed. Horst Baier et al., vol. 5, Gesamtausgabe Max Weber. Abt. 1. Schriften und Reden. Bd. 22–5. Wirtschaft und Gesellschaft: die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte; Nachlaß (Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck, 1999), 215 ff.
4   Hausknotz, Florentina: „Stadt denken. Über die Praxis der Freiheit im urbanen Zeitalter“. Bielefeld: Transcript, 2011
5   Bakare-Yusuf, Bibi; Weate, Jeremy: „Ojuelegba: The Sacred Profanities of a West African Crossroad“. In: Urbanization and African Cultures. Falola, Toyin; J. Salm, Steven Hg., Durham: Carolina Academic Press, 2005,
S. 330–331
6   Lefebvre, Henri: „Writings on Cities“. Malden, Oxford, Carlton: Blackwell Publishing, 2006, S. 223
7   Wiredu, Kwasi: „Cultural Universals and Particulars. An African Perspective“. Bloomington, Indianapolis: Indiana University Press, 1996,
S. 22
8   Balibar, Étienne: „Sind wir Bürger Europas? Politische Integration, soziale Ausgrenzung und die Zukunft des Nationalen“. Hamburg: HIS, 2003, S. 287
9   Wiredu, Kwasi (1996, S. 48)

 

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