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„Es ist ein steinernes Dunkel hereingebrochen.“

Das Forschungsinstitut Brenner Archiv an der Universität Innsbruck umfasst rund 300 Nachlässe, Teilnachlässe und Sammlungen von Kulturschaffenden und kulturellen Organisationen. Dort aufbewahrte Briefwechsel zwischen bedeutenden Persönlichkeiten erscheinen in einer mehrjährigen Artikelserie in Quart. Diesmal: Georg Trakls Briefe an Ludwig von Ficker. Ausgewählt und kommentiert von Markus Ender.

Der Salzburger Dichter Georg Trakl setzt am 3. November 1914 im Militärspital Rakovice in Krakau mit einer Überdosis Kokain seinem irdischen Leben ein Ende. Zwar stirbt der Lyriker nach nur kurzer Schaffensphase schon mit 27 Jahren, doch sein Werk, das mit besonderer Sprachmächtigkeit deutungsschwere, expressionistische Bilder von Tod und Vergänglichkeit evoziert, hat die Zeiten überdauert und ist auch 110 Jahre nach seinem Ableben fest im literarischen Epochenkanon verankert. In hohem Maße ist dafür Ludwig von Ficker (1880–1967), Herausgeber der Innsbrucker Kunst- und Kulturzeitschrift „Der Brenner“, verantwortlich, der Trakl in seiner letzten Lebensphase als Mentor begleitet, ihn zur höchsten Schaffenskunst ermutigt und auch nach dessen Tod gleichermaßen für die Verbreitung seines Werks wie auch für die Erinnerung an seine Person gesorgt hat. Die Korrespondenz zwischen Trakl und Ficker ist zwar schmal – es sind lediglich 29 Briefe und Postkarten überliefert –, aber aussagekräftig, wenn es um die Beurteilung biographischer Wegmarken und die Beziehung zwischen dem Künstler und seinem väterlichen Freund geht.

Treue und Freundschaft

Trakl und Ficker begegnen einander zum ersten Mal am 22. Mai 1912 am Stammtisch der „Brenner“-Autor:innen im Innsbrucker Café Maximilian an der Ecke Anichstraße – Maria-Theresien-Straße. Da er sich kaum auf Techniken der Selbstvermarktung versteht, was sein Umfeld durchaus kritisch sieht, tritt Trakl dabei nicht selbst an Ficker heran. Die Vermittlung übernimmt stattdessen der Wiener Autor Robert Müller, der am 18. April 1912 Trakls Gedicht „Vorstadt im Föhn“ mit der Bitte um Abdruck im „Brenner“ an Ficker übersendet und im Zuge dessen den persönlichen Besuch ankündigt. Ficker ist angetan, druckt das Gedicht tatsächlich ab und legt mit der Integration des Salzburger Dichters in den Kreis der „Brenner“-Autor:innen den Grundstein für eine fruchtbare Zusammenarbeit: Einerseits bietet sich Trakl infolge eine Möglichkeit, mit seiner Kunst regelmäßig zu reüssieren und ein breiteres Publikum zu erreichen, andererseits findet Ficker mit Trakl einen Autor, dessen Schaffen seiner Vorstellung von Künstlertum, das sich – frei nach Wittgenstein – durch das Motto „Ethik und Ästhetik sind eins“ definiert, in idealer Weise entspricht. Die Zeitschrift schwenkt durch Trakls Lyrik ab 1912 in eine neue, definierte Richtung ein.
  Trotz seiner Unscheinbarkeit vermittelt bereits der erste überlieferte Brief Trakls an Ludwig von Ficker fundamentale Einsichten über das Verhältnis des Dichters zu seinem Verleger und Mäzen, das sich im Lauf der folgenden zwei Jahre zu einem besonderen entwickeln sollte, und er gibt einen tiefen Blick in die seelische (und körperliche) Verfassung des Salzburger Dichters frei. Daneben illustriert das Dokument aber auch, wie schnell Trakl in den sozialen Rahmen der Familie Ludwig von Fickers eingebunden war. Nur ein halbes Jahr nach der ersten Begegnung spricht Trakl von „Treue“ und „Freundschaft“, und auch die Ehefrau, Cissi von Ficker, der eine bedeutende Rolle in der Betreuung Trakls zukommt (die allerdings oftmals unterschlagen wird) – hier noch als „Frau Gemahlin“ bezeichnet –, wird explizit gegrüßt. Zwischen den Zeilen steht die Aufnahme Trakls als Quasi-Familienmitglied; wann immer der Dichter das Bedürfnis nach einem Refugium verspürt, sind die Türen von Fickers Domizil in der Mühlauer Rauch-Villa geöffnet (wenngleich sich Trakl auch nicht immer dafür entscheidet, dort zu wohnen, wie der Verweis auf das Gasthaus Delevo illustriert).
    Gleichzeitig ist der Brieftext von einer unterschwellig-subtilen Ironie getragen, die Trakl möglicherweise gar nicht bewusst war, als er von seinem Unbehagen bei dem Gedanken berichtet, das Frühstück in einem Hotel in der Stadt „in Gesellschaft von alten Damen“ einnehmen zu müssen, was er „nicht gewohnt“ sei. Es fällt auf, dass Trakl in diesen Sätzen in der dritten Person von sich selbst spricht – mit solchen Formulierungen ist, neben der offensichtlich zu Tage tretenden Alkohol- und Drogensucht, zugleich eine gewisse Distanznahme wie auch eine bestimmte, weil gewollte Poetisierung verbunden.

Ein armer Kaspar Hauser

Der (in Anlehnung an das dichterische Vorbild Arthur Rimbaud) selbsternannte „Kaspar Hauser“, als dessen Pendant sich der Salzburger Dichter zeitlebens sieht, steht gewissermaßen außerhalb der Gesellschaft, und die Berührungspunkte mit scheinbar profan-lebensweltlichen Realitäten sind ihm offensichtlich unangenehm. Die tatsächliche Situation gestaltet sich aber etwas anders, denn Trakl ist zu keinem Zeitpunkt derart isoliert, wie es sein literarisches Alter Ego suggeriert. Stets gibt es Freunde und Bekannte, die dem Dichter zur Seite stehen und seine Passivität in privaten wie ökonomischen Belangen abzufedern wissen. Dies betrifft sowohl die Bemühungen um eine geeignete Arbeitsstelle oder eine anderweitige Beschäftigung, die die immer präsente Geldnot lindern sollten. Durch Unterstützer:innen wie seinen Freund Erhard Buschbeck oder Ludwig von Ficker werden zudem auch Wege gelegt, sodass er mit seiner Kunstproduktion im kulturellen Feld Fuß fassen kann.
    Die Bedeutung des „Brenner“, in dem Ficker seit Mai 1912 in jedem Heft mindestens eines seiner Gedichte veröffentlicht hat, ist dabei nicht zu unterschätzen, und Trakl weiß durchaus um den Wert, der damit verbunden ist. Im Brief vom 23. Februar 1913 macht er zwei für sein Leben und Werk zentrale Prinzipien explizit: Er bezeichnet die Zeitschrift als „Heimat und Zuflucht im Kreis einer edlen Menschlichkeit“, zudem verweist er auf die Großmut und die Güte, die sein Herausgeber an den Tag legt, und beschwört das „verzeihende Verständnis“, das Ficker ihm entgegenbringt, wenn er – vornehmlich im Drogenrausch – seine Zurückhaltung verliert und auch verletzende Worte seinem Mentor gegenüber fallen.
    Der Brief vom 26. Juni illustriert, wie weit das Netzwerk, das sich Trakl im Umkreis des „Brenner“ aufbauen kann (bzw. das von seinen Freunden aufgebaut wird), mittlerweile reicht. Der eingangs erwähnte Architekt Adolf Loos gehört zu jenen wenigen, aber umso engeren Bekannten, mit denen sich Trakl umgibt, wenn er sich in Wien aufhält. Loos ist schon seit Anfang 1913 über Vermittlung von Hermann Schwarzwald auf der Suche nach einer geeigneten Stelle für Trakl, er hätte diesen auf seinem Weg von Venedig nach Wien mitnehmen sollen, die beiden verfehlen sich aber. Besonders bedeutsam wird in dieser Zeit für Trakl aber der Satiriker Karl Kraus, von dem er in seinen frühen Wiener Jahren kaum etwas hält, was sich aber durch die Lesungen, die von Ludwig von Ficker in Innsbruck organisiert werden, und vor allem durch den persönlichen Zugang zu Kraus wesentlich ändert. Mit Adolf und Bessie Loos, Karl Kraus und Peter Altenberg verbringt Trakl von 16. August bis 2. September 1913 einen Urlaub in Venedig, zu dem Loos eingeladen hat. Ludwig und Cissi von Ficker folgen von Innsbruck aus nach. Ein Foto vom Lido zeigt Trakl, trotz der Gesellschaft seiner Freunde und der Unbeschwertheit der Verhältnisse in sich gekehrt und etwas verloren am Strand stehend.
    Getreu seinem „Kaspar Hauser“-Motto bleibt der Dichter auch nach der Rückkehr aus Italien weitgehend menschen- und publikumsscheu; Selbstvermarktung und Publicity sind ihm fremd und bedeuten ihm nichts. Doch es gibt eine Ausnahme: Am 10. Dezember 1913 findet im Kleinen Musikvereinssaal in Innsbruck die einzige öffentliche Lesung statt, die Trakl abgehalten hat; im Brief vom 11. November drückt Trakl seine Zustimmung zur Einladung aus. Der Abend wird vom Brenner-Verlag veranstaltet, der bereits erwähnte Robert Michel begleitet Trakl bei der Veranstaltung und liest aus seiner Novelle „Vom Podvelez“ und aus „Die Häuser an der Dzamija“. Der Abend verläuft erfolgreich, Trakl trägt die Gedichte „Die junge Magd“, „Sebastian im Traum“, „Abendmuse“, „Elis“, „Sonja“, „Afra“, „Kaspar Hauser Lied“ und „Helian“ vor. Allerdings wird, wie einer Besprechung Josef Anton Steurers im „Tiroler Allgemeinen Anzeiger“ zu entnehmen ist, seine Vortragsweise kritisiert: Der Dichter spricht nur leise, die Stimme wird vom Publikum als „leider zu schwach, wie von Verborgenheiten heraus“ wahrgenommen. Ficker druckt die Besprechung im „Brenner“ nach, er verändert allerdings eine zentrale Passage. Während es bei Steurer heißt, Trakls habe „Worte und Sätze, dann Bilder und Rythmen erkennen [lassen], die seine futuristische Dichtung bilden“, streicht Ficker im „Brenner“ das Wort „futuristisch“. Dieser nur scheinbar marginale Eingriff stellt ein erstes Indiz dafür dar, dass Ficker schon zu Lebzeiten Trakls bewusst Einfluss darauf nimmt, welches Bild seines bevorzugten Dichters nach außen dringen soll. Nach dessen Tod intensiviert er diese Bestrebungen und deutet ihn insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg explizit als einen christlichen Dichter.

„Es bleibt nur mehr ein sprachloser Schmerz“

Der Brief, den Trakl Anfang April 1914 von Berlin aus nach Innsbruck sendet, spiegelt eine essentielle, selbst für Trakls Verhältnisse außergewöhnliche Abgründigkeit wider. In ebensolchem Maße sind die Aussagen aber auch vage gehalten, und man kann nur darüber spekulieren, auf welche Ereignisse und „furchtbare Dinge“ Trakl hier anspielt, die solche Schatten auf sein Leben werfen. Eine Postkarte an Karl Kraus, unterschrieben von Karl Borromäus Heinrich und Trakl, bezeugt zumindest, dass sich die beiden Ende März in Berlin aufgehalten und dort mit großer Wahrscheinlichkeit auch am 1. April die Kraus-Vorlesung besucht haben. Auch Trakls Wunsch nach Reaktivierung beim Militär ist über Briefdokumente nachweisbar; Ludwig von Ficker hat Robert Michel tatsächlich in einem Schreiben um Intervention bei der Behörde gebeten, Michel hat Trakls Aussichten für eine erneute Anstellung beim Militär aufgrund seiner schwierigen psychischen Disposition aber als nicht günstig eingeschätzt.
    Das „namenlose Unglück“, das Trakl in seinem Brief nebulos andeutet, dürfte aber nicht nur auf die Erkrankung Heinrichs, sondern insbesondere auf die vermutete inzestuöse Beziehung der Geschwister verweisen. Knapp zwei Wochen vor diesem Schreiben teilt Trakl Ludwig von Ficker mit, dass es um den Gesundheitszustand seiner Schwester Margarethe nicht gut bestellt ist: „Meine arme Schwester ist noch immer sehr leidend. Ihr Leben ist von einer so herzzerreißenden Traurigkeit und zugleich braven Tapferkeit, daß ich mir bisweilen sehr gering davor erscheine.“ In Berlin muss Trakl erfahren, dass Margarethe eine Totgeburt erlitten hat, und mehr noch: Das totgeborene Kind könnte sein eigenes gewesen sein. Dieser Umstand würde den Ton, in dem der Brief gehalten ist, erklären; Trakl ist von Vorwürfen gepeinigt, durch das Inzestverhältnis Mitschuld an der Erkrankung der Schwester und womöglich sogar am Tod des Kindes zu tragen. Im Mindesten ist er für den Drogenkonsum der Schwester verantwortlich, ist er es doch, der sie zum Rauschgift geführt hat, von dem sie bis zu ihrem Selbstmord 1917 nicht mehr loskommt. Trakls Verzweiflung über seine Lebensumstände und die zunehmenden Verfallserscheinungen machen sich sukzessive auch körperlich bemerkbar; nach seiner Rückkehr aus Berlin wirkt er „schwer vergiftet“ und muss beim Gehen von seinen Freunden gestützt werden. Das Ende wirft bereits seine Schatten voraus.

„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder von tötlichen Waffen“

Der Erste Weltkrieg, der den ganzen Kontinent in den Abgrund reißen wird, erfasst auch Ludwig von Ficker und den „Brenner“-Kreis, und als einer der Ersten muss Trakl jenen „Feuerschlünden“ begegnen, die er in prophetischer Voraussicht schon ein Jahr zuvor im Gedicht „Menschheit“ besungen hat. Ende August 1914 wird er mit seiner Einheit als Militärapotheker nach Galizien an die Front eingezogen, wo er an den Gefechten von Rawa Ruska – Gródek teilnimmt und damit Zeuge der ersten Massenschlachten und auch der ersten Niederlagen der k. u. k. Armee wird. Ludwig von Ficker rekapituliert mehr als zehn Jahre nach dem Tod Trakls die Atmosphäre, die auf dem Innsbrucker Bahnhof herrschte, als er Trakl in Begleitung von Karl Röck und Arthur von Wallpach an die Front verabschiedet. In seinem Gedenkbuch „Erinnerung an Georg Trakl“ (1926) heißt es: „Es war eine zauberhaft erhellte, traumhaft stille Mondmitternacht Ende August, als auf dem Hauptbahnhof von Innsbruck Trakl, eine rote und bei jedem Abschiedsnicken fast gespenstisch mitnickende Nelke auf der Mütze, den Viehwaggon bestieg, der ihn, den Lebenden und in dieser Stunde Heiteren, für immer uns entführte …“
    Es erscheint aus heutiger Sicht fast paradox, dass Briefe wie jener vom 10. Oktober, die auf dem Weg zur Front verfasst werden, in einem für Trakl ungewöhnlich heiteren Ton gehalten sind. Sein Interesse gilt in der ersten Phase offenbar weniger der aktuellen politischen und militärischen Entwicklung als vielmehr der Sorge um seinen Gedichtband „Sebastian im Traum“. Das Buch soll, wie auch die „Gedichte“ (1913), bei Kurt Wolff in Leipzig verlegt werden, und Trakl ist nach einem Stopp in Salzburg, bei dem er seinen Halbbruder Wilhelm trifft, überzeugt, dass es sich schon im Druck befinde, was sich aber als Irrtum herausstellt. Der Gedichtband erscheint erst posthum 1915, Trakl erlebt die Veröffentlichung nicht mehr. 
Im Besonderen befremdet der Ton der Feldpostkorrespondenz, wenn sie vor der Folie der militärischen Lage an der galizischen Front gelesen wird. Es erscheint kaum glaubwürdig, dass es sich Trakl, wie er am 3. Oktober mitteilt, inmitten einer poetisch anmutenden Landschaft „nach all’ den großen Ereignissen der jüngsten Zeit in Frieden wohl sein“ lassen hätte können. Von Frieden kann nach den katastrophalen militärischen Ereignissen während und nach den Schlachten um Lemberg, bei denen mehr als 190.000 Soldaten der k. u. k. Armee ihr Leben lassen mussten, 130.000 in Gefangenschaft gerieten und auf dem Rückzug auch furchtbares Leid unter der Zivilbevölkerung entstand, da die Armee ganze Landstriche verwüstete, keine Rede sein. Eine deutlichere Ahnung von den tatsächlichen Strapazen, die der Dichter durchmacht, und den Ängsten, die ihn plagen, schlägt am Ende des Briefes durch, als Trakl die Andeutung von einem neuen militärischen Großereignis fallen lässt und die Aussage mit dem Wunsch, der Himmel wolle der Truppe „diesmal gnädig sein“, beschließt. Es besteht Grund zur Annahme, dass der Dichter in seinen Feldpostbriefen vor allem aufgrund der Zensur sehr zurückhaltend formuliert, da ihm eine realistische Schilderung der Zustände unter Umständen negativ ausgelegt werden könnte. Ein anderer, tiefergehender Grund ist in einer späteren Ausgabe von Fickers Erinnerungsbuch bezeugt: Trakl versucht sich nach der Schlacht von Gródek aufgrund der Eindrücke und des daraus resultierenden Nervenzusammenbruchs mit einem Revolver das Leben zu nehmen, was Kameraden im letzten Moment zu verhindern wissen. Er befürchtet, dafür wegen Defätismus vor ein Kriegsgericht gestellt und hingerichtet zu werden.
    „Grodek“ ist nicht nur der Schauplatz einer von unzähligen blutigen Schlachten des Weltkrieges, der insgesamt die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ markiert, sondern auch der Titel eines von zwei Gedichten, die Trakl am 27. Oktober brieflich an Ludwig von Ficker übersendet. Es stellt mit Sicherheit den bekanntesten Text Trakls dar und ist als mahnendes Fanal in die Weltliteratur eingegangen. Der eigentliche Brieftext weist formale wie inhaltliche Besonderheiten auf; so dürfte er nach der Niederschrift der beiden Gedichte entstanden sein, da Trakl die Zeilen zum Seitenende immer gedrängter zu Papier bringt. Die prophetisch anmutenden Worte „Ich fühle mich fast schon jenseits der Welt“ und die Anweisung, dass sein Besitz im Falle seines Ablebens der Schwester Margarethe zu übergeben sei, haben dazu geführt, dass der Brief als „Testamentsbrief“ interpretiert wurde – er wurde im Verlassenschaftsverfahren tatsächlich beim Bezirksgericht Hall als Testament vorgelegt – und unter dieser Bezeichnung auch Bekanntheit erlangt hat.
    Es ist nicht überliefert, welche letzten Worte Trakl am Totenbett gesprochen hat. Der später veröffentlichte Bericht seines Burschen Matias Roth gibt darüber keine Auskunft, da diesem der Zugang zu seinem Herrn verweigert wird, als sich dessen Gesundheitszustand rapide verschlechtert. So bleiben nur die Spuren der Tinte auf dem Papier: Trakl beschließt seinen zweiten Brief vom 27. Oktober, der unmittelbar auf den „Testamentsbrief“ folgt und tatsächlich das letzte bekannte Schriftstück darstellt, indem er als letzte Worte „die herzlichsten Grüße“ ausspricht – „an Tirol, Sie und alle Teuren“.

1912-12-03
Georg Trakl an Ludwig von Ficker

[undatiert; wahrsch. Salzburg, 03.–08.12.1912]

Sehr geehrter Herr Ficker!
Vielen Dank für das neue Heft des Brenner. Ich komme am Montag abends nach Innsbruck und würde mich sehr freuen, Sie um 9h beim Delevo zu treffen. Ich glaube, ich werde am besten tun, mich dort gleich einzulogieren, denn der Weg nach Mühlau ist weit und voll Gefahren für den Trunkenen. Auch kann er sich leicht verirren und hat am Ende nicht, wo er das Haupt zum Schlaf hinlegt. Sicherlich muß man in einer Pension das Frühstück in Gesellschaft von alten Damen einnehmen, was ich nicht gewohnt bin.
Das Gedicht von Röck finde ich außerordentlich schön und eigenartig. Er erscheint mir darin, wie ein guter Klosterbruder.
Wollen Sie bitte Ihrer Frau Gemahlin meine respektvollsten Grüße übermitteln und nehmen Sie die Ausdrücke der Treue und Freundschaft entgegen
Ihres ergebenen
G. Trakl


1913-02-23
Georg Trakl an Ludwig von Ficker

[Poststempel: Salzburg, 23.02.1913]

Herrn
Ludwig von Ficker
Herausgeber des „Brenner“
Mühlau 102. / bei Innsbruck

Georg Trakl. Mozartplatz Salzburg

Lieber Herr von Ficker!
Für Ihren gütigen Brief sage ich Ihnen herzlichsten Dank. Immer tiefer empfinde ich was der Brenner für mich bedeutet: Heimat und Zuflucht im Kreis einer edlen Menschlichkeit. Heimgesucht von unsäglichen Erschütterungen, von denen ich nicht weiß ob sie mich zerstören oder vollenden wollen, zweifelnd an allem meinem Beginnen und im Angesicht einer lächerlich ungewissen Zukunft, fühle ich tiefer, als ich es sagen kann, das Glück Ihrer Großmut und Güte, das verzeihende Verständnis Ihrer Freundschaft.
Es erschreckt mich, wie sehr sich in der jüngsten Zeit ein unerklärlicher Haß gegen mich mehrt und in den kleinsten Geschehnissen des täglichen Lebens in fratzenhafte Erscheinung tritt. Der Aufenthalt ist mir hier bis zum Überdruß verleidet, ohne daß ich Kraft zu dem Entschluß aufbringe, fortzugehn.
Beiliegend die neue Fassung eines Dr. Heinrich gewidmeten Gedichts, das ich Sie bitte in dem nächsten Heft des „Brenner“ erscheinen zu lassen. Die erste Niederschrift enthält manches nur zu Angedeutetes.
Wollen Sie Florian und Puppa meine herzlichsten Grüße sagen und nehmen Sie bitte die Ausdrücke der Freundschaft und Ergebenheit entgegen
Ihres
Georg Trakl

[Beilage]

Untergang.

an Karl Borromaeus Heinrich.

Über den weissen Weiher
Sind die wilden Vögel fortgezogen.
Am Abend weht von unseren Sternen ein eisiger Wind

Über unsere Gräber
Beugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht.
Unter Palmen schaukeln wir auf einem silbernen Kahn.

Immer klingen die weissen Mauern der Stadt.
Unter Dornenbogen
O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.

     
1913-06-26
Georg Trakl an Ludwig von Ficker

[Poststempel: Salzburg, 26.06.1913]

Lieber Herr von Ficker!
Besten Dank für Ihr Telegramm. Herrn Loos habe ich leider nicht am Bahnhof angetroffen; ich erwartete, ihn in dem Zug um 1h 40 zu treffen, der als einziger einen Speisewagen bis Salzburg führt. Leider war meine Annahme irrig und ich habe es sehr bedauert, Herrn Loos nicht gesprochen zu haben.
Hier ist ein Tag trüber und kälter als der andere und es regnet ununterbrochen. Bisweilen fällt dann ein Strahl der letzten sonnigen Innsbrucker Tage in diese Düsterniß und erfüllt mich mit tiefster Dankbarkeit für Sie und all’ die edlen Menschen, deren Güte ich in Wahrheit so gar nicht verdiene. Zu wenig Liebe, zu wenig Gerechtigkeit und Erbarmen, und immer zu wenig Liebe; allzuviel Härte, Hochmut und allerlei Verbrechertum – das bin ich. Ich bin gewiß, daß ich das Böse nur aus Schwäche und Feigheit unterlasse und damit meine Bosheit noch schände. Ich sehne den Tag herbei, an dem die Seele in diesem unseeligen von Schwermut verpesteten Körper nicht mehr wird wohnen wollen und können, an dem sie diese Spottgestalt aus Kot und Fäulnis verlassen wird, die ein nur allzugetreues Spiegelbild eines gottlosen, verfluchten Jahrhunderts ist.
Gott, nur einen kleinen Funken reiner Freude – und man wäre gerettet; Liebe – und man wäre erlöst.
Lassen Sie mich verbleiben
Ihr dankbar ergebener
Georg T.


1913-11-16
Georg Trakl an Ludwig von Ficker

[Poststempel: Wien, 17.11.1913]

Herrn
Ludwig von Ficker
Innsbruck-Mühlau
102
Tirol

Lieber Herr von Ficker!
Vielen Dank für Ihre Einladung zu einer Vorlesung in Innsbruck. Ich kann sie bestimmt annehmen, da ich ebenso bestimmt nicht in Wien, dieser Dreckstadt bleibe. Ich kehre vorbehaltlos wieder zum Militär zurück, d. h. wenn man mich noch nimmt. Hoffentlich konnten Sie die Widmung noch anbringen. Ich hatte Loos bereits eine Abschrift gegeben, die diese Widmung trug und Loos hat sie bei vielen herumgezeigt. Deshalb wäre es mir peinlich, wenn das Gedicht ohne Widm. erschiene, besonders als Loos mich darum bat.
Mit den herzlichsten Grüßen Ihr sehr ergebener
G. T.


1914-04-01
Georg Trakl an Ludwig von Ficker

[wahrsch. Berlin, 01. / 02.04.1914]

Lieber Herr von Ficker!
Vielen Dank für Ihr Telegramm. Kraus läßt vielmals grüßen. Dr. Heinrich ist hier wieder ernstlich erkrankt und es haben sich sonst in den letzten Tagen für mich so furchtbare Dinge ereignet, daß ich deren Schatten mein Lebtag nicht mehr loswerden kann. Ja, verehrter Freund, mein Leben ist in wenigen Tagen unsäglich zerbrochen worden und es bleibt nur mehr ein sprachloser Schmerz, dem selbst die Bitternis versagt ist.
Wollen Sie bitte, um von meinen nächsten Angelegenheiten zu sprechen, die Güte und Liebe mir erweisen, an Hauptmann Robert Michel zu schreiben (vielleicht ist es wichtig, daß es gleich geschieht) und in meinem Namen um seine freundliche Fürsprache im Kriegsministerium bitten.
Vielleicht schreiben Sie mir zwei Worte; ich weiß nicht mehr ein und aus. Es [ist] ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzweibricht. O mein Gott, welch ein Gericht ist über mich hereingebrochen. Sagen Sie mir, daß ich die Kraft haben muß noch zu leben und das Wahre zu tun. Sagen Sie mir, daß ich nicht irre bin. Es ist steinernes Dunkel hereingebrochen. O mein Freund, wie klein und unglücklich bin ich geworden.
Es umarmt Sie innig
Ihr
Georg Trakl

1914-08-26
Georg Trakl an Ludwig von Ficker

Feldpostkorrespondenzkarte

Herrn
Ludwig von Ficker
Mühlau 102 / bei Innsbruck
Tirol

K. u. k. Feldspital Nr. 7 / 14

Wien, am 26 / VIII 14

Verehrter Freund!
Gestern bei meiner Ankunft in Salzburg teilte mir mein Bruder mit, daß mein neues Buch bereits erschienen ist. Vielleicht können Sie es in einer Innsbrucker Buchhandlung beschaffen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir ein Exemplar schicken würden. Meine Feldpostadresse werde ich Ihnen baldigst mitteilen. Mit den herzlichsten Grüßen
Ihr ergebener Georg Trakl


1914-10-03
Georg Trakl an Ludwig von Ficker

[wahrsch. Limanowa, 03. / 04.10.1914]

Feldpostkorrespondenzkarte

Herrn
Ludwig von Ficker
Mühlau 102 bei Innsbruck
Tirol

Feldspital 7 / 14
Feldpost Nr. 29

Verehrter Freund!
Wir haben vier Wochen angestrengtester Märsche durch ganz Galizien hinter uns. Seit zwei Tagen rasten wir in einer kleinen Stadt Westgaliziens inmitten eines sanften und heiteren Hügellandes und lassen es uns nach all’ den großen Ereignissen der jüngsten Zeit in Frieden wohl sein. Morgen oder übermorgen marschieren wir weiter. Es scheint sich eine neue große Schlacht vorzubereiten. Wolle der Himmel uns diesmal gnädig sein. Herzliche Grüße an Ihre Frau und Ihre lieben Kinder.
Ihr ergebener
Georg Trakl
Dr. Ferrari Josef


1914-10-27
Georg Trakl an Ludwig von Ficker

Herrn
Ludwig von Ficker
Mühlau 102 / bei Innsbruck
Tirol

Georg Trakl, Garns. Spit. Nr. 15.
Abt. 5

Klage.

Schlaf und Tod, die düstern Adler
Umrauschen nachtlang dieses Haupt:
Des Menschen goldnes Bildnis
Verschlänge die eisige Woge
Der Ewigkeit. An schaurigen Riffen
Zerschellt der purpurne Leib
Und es klagt die dunkle Stimme
Über dem Meer.
Schwester stürmischer Schwermut
Sieh ein ängstlicher Kahn versinkt
Unter Sternen,
Dem schweigenden Antlitz der Nacht.
 
Grodek.
 
Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tötlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rötes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Krakau, am 27. Oktober 1914.

Lieber, verehrter Freund!
Anbei übersende ich Ihnen die Abschriften der beiden Gedichte, die ich Ihnen versprochen. Seit Ihrem Besuch im Spital ist mir doppelt traurig zu Mute. Ich fühle mich fast schon jenseits der Welt.
Zum Schlusse will ich noch beifügen, daß im Fall meines Ablebens, es mein Wunsch und Wille ist, daß meine liebe Schwester Grete, alles was ich an Geld und sonstigen Gegenständen besitze, zu eigen haben soll. Es umarmt Sie, lieber Freund innigst
Ihr Georg Trakl

 

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