AUTOrin muss schnell sein. ¶ Tag 1 Versuch 1 ¶ Weil man die Texte schneller liest, wenn sie schnell geschrieben werden, messe ich jetzt die Zeit. Sechs Minuten pro Seite. Ich habe nur eine Stunde für diesen ganzen Wahnsinn. Nachher werde ich aber schon korrigieren. Und wenn mir das misslingt, versuche ich noch einmal, bis ich in einer einzigen Stunde zehn Seiten Text produziert habe. Das heißt sechs Minuten pro 1800 Zeichen, ca. 300 Wörter. Eigentlich kein Ding. Warum sind wir dann alle so langsam? Alle wollen, dass wir schnell sind, dass aus uns heraus automatisch Wahnsinnsgenialitäten ersprießen, und zwar in wenigen Minuten und Stunden. Und ich will das auch! Natürlich werde ich euch nicht den ganzen Text lang mit dem Konzept langweilen, es war mir aber wichtig, dass ihr wisst, was die Bedingungen sind. Jetzt gehe ich über zum zweiten Teil. Obwohl das ein einziger Irrsinn an Denkkrämpfen und Zufallserzeugnissen ist, wird es eine Geschichte geben. Die Geschichte heißt … das weiß ich noch nicht. Aber es geht um drei Schwestern. Es ist eine Art Detektivroman über drei tote Schwestern, die immer noch chatten. Ihre Namen sind Lejla, Nina und Marija. Lejla ist die Jüngste, und die anderen sind sehr fies zu ihr. Als wäre sie das 13. Wildschweinchen in der Familie. Sie ist daher ziemlich brillant in allem, außer in Selbstschutz und Selbstliebe. Die zwei Älteren sagen zu ihr immer: Lejla, du bist dumm. Du warst immer schon die Dümmste in unserer Familie, das musst du zugeben. Außerdem sagen sie: Bist du hässlich! Deine Haare sind hässlich und du bist adoptiert! Es lebten also einmal drei Schwestern, aber nicht die von Tschechow, sondern drei andere. Und sie waren insofern für uns alle interessant, als sie zueinander brutal waren. Sie standen einander so nah, dass jede kleinste Bewegung zu Verletzungen führte. Sie stritten ununterbrochen, ließen einander nie in Ruhe, aber sie ließen einander auch nie allein. ¶ Zeit: 10:00 ¶ Tag 1 Versuch 2 ¶ Es heißt immer, dass man die Texte, die schnell geschrieben worden sind, umso schneller liest. Und ich will jetzt so schnell schreiben, dass ihr von A nach B springen könnt, als wärt ihr Superleserinnen, weil das ein Experiment ist, aber auch, weil ich so viele Aufträge habe, dass ich anders gar nicht alles schaffen kann. Mit diesem Ding töte ich drei Fliegen gleichzeitig, aber darüber mag ich jetzt noch nicht reden. Was mache ich überhaupt? Ich schreibe zehn Seiten Text in 60 Minuten. So soll es sein. Raketenschriftstellerin! Ich übe aber, weil das gar nicht so leicht ist, in sechs Minuten eine ganze Seite zu schreiben. Bisher habe ich ca. zehn Minuten gebraucht. Damit es schneller fließt, ist es wichtig, eine Geschichte zu haben. Ich habe hier eine Geschichte, die ich erzählen will. Es geht um drei Schwestern, die ständig streiten. Die einander so unfassbar nah stehen, dass jede kleinste Verletzung unweigerlich zu … pardon … dass jede kleinste Bewegung unweigerlich zu Verletzungen führt. Das sind nicht Tschechows drei Schwestern. Meine sind nicht so reich und bürgerlich und langweilig und gelangweilt. Aber sie sind trotzdem ähnlich, weil drei Schwestern. Sie streiten ununterbrochen, obwohl sie schon tot sind. Sie sind tot, aber die WhatsApp-Gruppe lebt noch. Dort haben sie Diskussionen über alle Themen. Über die Parfüms, die gut sind. Über ihre jeweilige Daseinsart und darüber, welche Großstadt in Europa der Mensch besuchen muss, bevor er stirbt. Die Älteste ist für Rom, die Mittlere für Paris, und die Jüngste findet, dass London die besten Vibes hat. Darüber kratzen sie einander die Augen fast aus. Jetzt schnell im Finish. 300 Wörter in sechs Minuten, warum ist das so schwer. Ich will es schaffen!!!!! Yo. Kommt schon. Das ist echt schwer!!! ¶ Zeit: 7:33 ¶ Tag 1 Versuch 3 ¶ Guten Tag. Ich mache ein Experiment. Weil ich keine Zeit habe und ihr von mir verlangt, extrem schnell Texte zu produzieren. Ihr alle wollt immer noch einen Text in zwei Tagen und so weiter, aber auch weil ich gehört habe, dass die Texte, die schnell geschrieben sind, genauso schnell und gern gelesen werden. Also habe ich mich entschieden, meine Zeiten zu messen. Ich
muss es schaffen, zehn Seiten in genau einer Stunde zu schreiben. Weil ich schon ein paarmal gescheitert bin, versuche ich nicht mehr alles auf einmal. Ich habe es in zehn Sequenzen geteilt. Jede Seite kann sechs Minuten in Anspruch nehmen. Es ist für mich eine halsbrecherische Angelegenheit. Aber wenn ich das schaffe, bin ich Schreibking. Am Ende korrigiere ich die Fehler schon. Jedenfalls dachte ich, dass ich diesen Text auch doppelt verkaufen kann. Wenn nicht dreifach! Und ich werde euch nicht mit meinen schwierigen Produktionsbedingungen bis zum Ende des Textes quälen, aber ich finde, dass es wichtig ist, dass ihr wisst, was hier los ist, sonst denkt ihr, dass ich unverschämt bin. Es wird trotzdem eine Geschichte geben. Eine Art Krimigeschichte von drei Schwestern. Drei Schwestern leben in Wien. Das Problem ist, dass sie nicht mehr leben, aber immer noch nicht aufhören können zu streiten. Sie stehen einander so nah, dass jede kleinste Bewegung gegenseitig zu Verletzungen führen muss. Eine ist die Älteste, sie heißt Marija, sie hat das sogenannte Syndrom der ältesten Schwester, das heißt, sie findet sich super und besser als alle anderen. Sie herrscht über das Schwesterndreieck. Ihr Problem ist nur, dass sie diese Art Macht sonst nirgendwo verwirklichen kann und deshalb eigentlich außerhalb der Schwestern Loserin ist. Ihr Gegenteil ist die jüngste Schwester, Lejla, über sie herrscht im Schwesterndreieck die Meinung, dass sie hässlich und dumm ist, sehr oberflächlich und sowieso ein Extra in der Familie. ¶ Zeit: 6:95 ¶ Tag 1 Versuch 4 ¶ Texte, die schnell geschrieben werden, werden schnell gelesen. Die Menschen wollen von mir immer mehr Texte pro Monat. Ich muss meine Geschwindigkeit erhöhen. Auch jetzt wollen sie von drei Seiten einen zehnseitigen Text zum Thema Auto bzw. Fließtext und zwei Stücke und einen Roman. Ich versuche hier etwas Neues. Ich will zehn Seiten in einer einzigen Stunde schreiben, das ist gut für uns alle. Ich bin schnell fertig, ihr seid schnell fertig und zufrieden. Es ist also ein Text, der in sechs Minuten pro Seite entsteht. Mit Pausen dazwischen, weil ich kein Supermensch bin, WTF, anders geht es noch nicht. Jedenfalls ist es schwierig, so schnell zu schreiben. Aber genug davon, jetzt wisst ihr, was für ein Experiment hier gemacht wird. Jetzt kann ich beginnen. Guten Tag, willkommen zu der Geschichte, die ich hier doch auch erzählen werde. Es ist eine Art Krimi über drei Schwestern, die tot sind, aber ihre WhatsApp-Gruppe läuft noch, und dort streiten sie. Indem sie streiten, erhalten sie das Gleichgewicht in dieser Welt. Und wenn sie dann kurz aufhören, gehen wir alle fast zugrunde. Sie sind einander so nah, dass sie sich mit jeder kleinsten Bewegung unweigerlich verletzen. Und sie lieben einander und verlassen einander nie lang. Na ja. Ca. so. Es geht darum, dass eine Psychologin nach ihnen in ihre Wohnung einzieht. Der Name der Psychologin ist Evelyn Glanzl. Sie ist esoterisch und Spezialistin für Dreierbeziehungen und Triaden und so. Sie merkt, dass es in der Wohnung spukt, und wird zu der seltsamen WhatsApp-Gruppe geaddet. Sie wird zur posthumen Therapeutin dreier Schwestern. Die streiten über alle möglichen Themen in dieser WhatsApp-Gruppe, zum Beispiel, welche europäische Stadt man einmal im Leben besuchen muss. Man muss einmal im Leben Rom besuchen, sagt die Älteste. Sie heißt Marija. Man muss einmal im Leben Lissabon besuchen, sagt die Jüngste. ¶ 6:30 ¶ Tag 1 Versuch 5 ¶ Ich mache hier ein Experiment, weil ich so viele Aufträge habe, dass das nicht mehr normal ist: Ich soll in sechs Minuten eine Seite schreiben, damit ich in einer Stunde zehn Seiten schaffe. Ich muss so schnell schreiben, wenn ich überleben will. Der Markt verlangt das. Das Positive an dem Unterfangen ist, dass es offenbar eh super ist, so schnell zu schreiben, weil die Texte, die schnell geschrieben worden sind, entsprechend schnell gelesen werden können, was sie bei den Leserinnen beliebt macht. Ich mache das jetzt. Aber ich werde nach jeder Seite eine Pause machen, damit ich nicht draufgehe. Vielleicht ist das alles eine Blamage, weil sonst alle Autorinnen viel schneller
sind und in zehn Minuten auf jeden Fall drei Seiten geschrieben haben, das weiß ich nicht, aber nach diesem Experiment werde ich es auf jeden Fall erfahren.
O M G, die Sekunden laufen. Es wird aber schon auch einen Inhalt geben. Ich werde euch nicht mit den Vorgaben bis zum Ende quälen. Jetzt wisst ihr, warum ich so rase. Die Geschichte ist eine Art Krimi, aber auch ein Märchen. Es geht um drei Schwestern, die in Wien gelebt haben und gestorben sind, aber ihre WhatsApp-Gruppe läuft noch. Dort streiten sie wie eh und je über die Weltthemen, über ihre Daseinsarten und überhaupt miteinander. Sie wechseln die Seiten und bilden Teams und so. Es kann nie zum Gleichgewicht kommen. Das Dreieck ist dynamisch, aber dadurch erhalten sie das Gleichgewicht in der Welt. Die drei Schwestern sind einander sehr nah, und wenn sie sich nur ein wenig bewegen, verletzen sie einander unweigerlich, und sie können einander nie in Ruhe lassen. Sie sind brutal. Die Älteste heißt Marija, sie ist die Herrscherin unter den Schwestern, aber in der Welt ist sie arm. Niemand will ihre Macht anerkennen. Nur noch 20 Sekunden. Hilfe! Ich will jetzt gewinnen! ¶ 5:55 ¶ Tag 2 Versuch 1 ¶ Es gab also einmal drei Schwestern: Marija, Nina und Lejla. Marija war die Älteste, sie war von den anderen genervt. Sie machten ihr den Durchschnitt schlecht, sozusagen. Die Mittlere war Nina, sie wollte eine Person mit Marija sein, aber sie war einfach gar keine Person, und das störte sie. Sie schrie oft laut, um gehört zu werden, um ihre Existenz zu beweisen. Arme Nina. Dann gab es auch die dritte, jüngste Schwester, und sie hieß eben Lejla, und sie war ein Genie. Sie tippte Texte mit 100 km/h und war intelligent und in der ganzen Welt bewundert, aber unter den Schwestern war sie ein Aschenputtel. Sie fanden sie einfach scheiße. So, und die drei standen einander sehr nah und waren zueinander unnötig ehrlich. Und eines Tages saßen sie in ihrer Wohnung, als ihre Therme explodierte. Und die Schwestern sind später tot aufgefunden worden. Alle drei mit einem Lächeln im Gesicht. Später in der Geschichte werden wir erfahren, dass dieser Tod nicht für alle gleich war, und das wiederum wird zu dem größten Kommunikationsabbruch zwischen den Schwestern führen, den es jemals gab. Lustigerweise wird sich erweisen, dass diese drei Random-Figuren immense Wichtigkeit für die Gesamtwelt haben, ihr werdet sehen. Also das war ein Mord, ein Selbstmord und ein Unfall zugleich, je nachdem, wen man fragt. Drei Schwestern sind mehr als diese drei hier und werden nachher auch noch existieren. Früher gab es sie genauso. Das wissen wir spätestens seit Tschechow und eben davor schon. Oje, das geht sich nicht aus. Was ich noch sagen will, ist, dass die Geschichte mit der Psychologin Evelyn Glanzl beginnt, die umziehen musste, aber es war schwer, eine Wohnung zu finden. Und so musste sie in eine Wohnung einziehen, die von Geistern geplagt wurde. Ihr habt richtig erraten, es waren die Geister der Schwestern. ¶ Zeit: 6:30 ¶ Tag 2 Versuch 2 ¶ Inzwischen liebe ich diesen Stress. Ich erzähle also: Es gab einmal drei Schwestern. Nina, Marija und Lejla. Lejla war die Jüngste. Sie war Schriftstellerin und Übersetzerin und Uniprofessorin, von der ganzen Welt anerkannt, nur nicht von ihren Schwestern, die sie dumm fanden. „Lejla, du musst zugeben, dass du die Dümmste von uns bist“, sagten sie immer wieder. Und die Mittlere war Nina, das typische unglückliche mittlere Kind, das nur gehört werden kann, wenn es laut schreit, und Nina war sehr angry und wollte sich immer für alles rächen. Marija war die Älteste, sie war aus ihrer Sicht besser als die anderen. Jetzt, diese drei Schwestern sind in einer Nacht gestorben, weil ihre Therme explodiert ist, und sie wurden gefunden im Dreieck liegend, mit einem Lächeln im Gesicht. Niemand wunderte sich über die Lächeln, die Schwestern hatten ja immer gesagt: „Ich freue mich auf den Tod, wenn ich nicht mehr mit den Schwestern zu tun habe.“ Jedenfalls war es interessant, wie sie gestorben sind, weil die Explosion gleichzeitig ein Unfall, ein Selbstmord und ein Mord war. Und dann kommt
die Psychologin zur Geschichte. Die Hauptfigur, eine Art Detektivin, ist Evelyn Glanzl. Eine rothaarige esoterische Frau mit vielen Katzenbildern in der Wohnung. Und sie muss ihre alte Wohnung verlassen, aber der Wohnungsmarkt ist einfach nicht mehr normal, deshalb zieht sie in eine Wohnung ein, von der sie weiß, dass dort ein Unfall oder ein Mord oder ein Selbstmord passiert ist und dass es spukt. Andere haben die Wohnung vor ihr versucht zu bewohnen und mussten ausziehen. Und so. Evelyn ist lustigerweise eine Spezialistin für Triaden und Dreiecksbeziehungen und sie interessiert sich für das Schicksal der Schwestern, deshalb treten sie vielleicht in Kontakt mit ihr. Die Schwestern adden sie in ihre WhatsApp-Gruppe. Jetzt kann sie den Gesprächen folgen. Oh, Gott. Das nervt! Zu lang ist es geworden. Scheiße! Hm. ¶ Zeit: 6:36 ¶ Tag 2 Versuch 3 ¶ Jetzt tut mir die Hand schon weh. Geh scheißen, ich will nur erzählen, wie die drei Schwestern sind. Die Älteste heißt Marija und sie ist fies, hasst die anderen, fühlt sich besser und scheitert an der Welt. Die Mittlere will die Älteste sein und scheitert und ist rachsüchtig. Niemand beachtet sie, außer wenn sie schreit, dann sagen alle: Nina, schrei nicht so! Die Jüngste ist Lejla. Alle kennen sie, alle lieben sie. In der Restwelt ist sie ein Genie. Sie tippt schnell, schreibt gute Bücher, ist eigentlich unersetzlich für die Menschheit, aber in ihrem Dreieck ist sie ein Aschenputtel und kann keinen Respekt bekommen. Ihre Haare sind zu schlecht, ihre wasweißich, weiter. Jetzt ist es wieder stressig. Sie sterben also. Wie? Ihre Therme explodiert, und es stellt sich aber erst später heraus, dass das gleichzeitig ein Mord, ein Selbstmord und ein Unfall war. Es gibt noch eine Figur. Das ist Evelyn, Evelyn Glanzl, die Detektivin sozusagen. Sie gerät in die Wohnung, in der drei Schwestern gelebt haben, und wird von den Schwestern irgendwie zu deren posthumer WhatsApp-Gruppe geaddet, und dort beobachtet sie die Gespräche. Evelyn ist nicht nur eine rothaarige Detektivin, sie ist Psychologin, Esoterikerin und sie ist Expertin für Dreierbeziehungen. Sie kennt die Regeln. Bitte, ich muss es in sechs Minuten schaffen! Zwei Minuten noch. Und Evelyn analysiert und schlägt Lösungen vor. Ihr werdet sehen, die Geschichte geht weiter. Jetzt werden wir ein paar Streitgespräche vielleicht vorführen, die Evelyn in der WhatsApp-Gruppe gesehen hat. Sehr interessant, außerdem kommen Märchen. Stress. Nur noch wenige Sekunden. Hey, ich will nicht noch mal schreiben müssen! Schneller! Eins zwei drei vier fünf. Ich will nicht noch mal, Hilfe! jhldne jilde jilde jiel jidle jdile jdiel die jdilej diel idmlhe y wtd wie seilldjalkdjf jjj jjj jjj jj j jj oo oo oo jebiga. ¶ Zeit: 6:04 ¶ Tag 2 Versuch 4 ¶ Bitch, ich muss es schaffen! Hey, ich will sie vorstellen. Drei Schwestern. Die Wörter müssen kürzer sein. Die Schwestern müssen tot sein. Ich muss schnell sein. Die Älteste ist Marija, sie ist stolz, groß und sie hasst die anderen. Sie findet sie schlecht. Sie ist in ihrem Dreieck der Boss. Sie herrscht, aber sie ist arbeitslos und hat keine Freunde etc. Niemand anderer duldet sie. Die Mittlere ist Nina. Sie will einfach auch existieren. Sie will eigentlich dieselbe Person sein wie Marija, kann aber nicht. Sie zieht sich gleich an, das hilft ihr nichts. Sie macht Folgendes, um sich sichtbar zu machen: Sie schreit. „Hey! HEEEJ! Ich bin Nina, lasst mich in Ruhe, ich bin da!“ Etc. Aber sie ist nicht sichtbar. Alle sagen nur: „Hör auf zu schreien!“ Jetzt noch die Jüngste, Lejla, sie ist super. Sie macht alles. Sie ist Autorin, schreibt Bücher und wird in der Family gemobbt. Wörter kurz. Atem lang. So muss es sein. Eins zwei drei vier fünf sechs. Also Lejla wird gemobbt, und dann sterben die drei Schwestern eines Nachts. Die Therme explodiert: Lele bum tras buum! Hilfe! Hilfe! Hilfe!!! Vielleicht schreien sie eigentlich nicht, und dann kommen die Nachbarn und sehen sie. Eins, zwei, drei. Lächeln, Lächeln, Lächeln, tot. Und da kommt die neue Figur in die Geschichte. Eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht neun zehn Jahre vergehen und Evelyn, Evelyn Glanzl, eine Psychologin, die sehr, sehr, sehr esoterisch ist, kommt in die
Wohnung. Sie zieht dort ein, obwohl sie alles weiß, was vorgefallen ist. Dass da jemand gestorben ist. Und sie ist Detektivin, sozusagen. Spezialistin für Dreiecke, und sie sagt am Ende: „Es war ein Unfall, ein Mord und ein Selbstmord zugleich!“ Und sie hat Katzenbilder an den Wänden. Eins zwei drei vier fünf sechs sieben acht neun zehn Katzen! Geschafft! ¶ Zeit: 5:34 ¶ Tag 3 Versuch 1 ¶ Jetzt muss also Evelyn Glanzl umziehen und ihre ganzen Kristalle und Steinchen und Ayurveda-Sachen in die neue Wohnung bringen, und das dauert lang. Sie kann aber schon bald dort übernachten. In der ersten Nacht legt sie sich hin und hat komische Träume oder Nicht-Träume darüber, dass es ihr im Bett zu eng ist. Und da versucht sie, sich umzudrehen, aber es geht nicht. Evelyn muss sich umdrehen, deshalb pusht sie die Decke auf beiden Seiten, es fühlt sich an, als würde sie Menschen schieben. Sie dreht sich um. Dies geschieht ein paarmal in der Nacht und so. Jetzt sitzen unten die toten Schwestern am Boden neben dem Bett, wo sie hinuntergeschoben wurden, und beobachten Evelyn genau. Es geht darum, Evelyns Drehungen in der Nacht zu zählen. Am Ende fragt die Älteste: „Wie oft hat sie sich umgedreht?“ „Dreimal“, sagt die Mittlere. „Vier. Es waren vier Mal!“, sagt die Jüngste, also Lejla, und dann sagt die Älteste, Marija: „Dann sind vier Monate vergangen.“ Und weil das jede Nacht so lief, verflog Evelyn ihr Leben in den nächsten Jahren unangenehm schnell. Es waren schon sechs Monate, seit sie eingezogen war, als sie einmal hellwach wurde in der Nacht, und da stand sie auf und ging zum Bad, wo es klang, als würde sich jemand duschen. Und es war alles sehr feucht und die Spiegel waren vernebelt, aber niemand war da. Was Evelyn komisch fand, waren leider die Sachen, die auf dem Rand der Badewanne standen. DM-Produkte. „WTF!“, sagte Evelyn. „Ich würde so etwas nie benutzen! Also, ich kaufe nur online, und zwar Noname und teuer.“ Aber auf dem Spiegel begann jemand zu schreiben und schrieb L E J L A. Na ja, es begann mit L., und dann ging es nicht weiter. Gott! Jetzt keine Ahnung. Nicht schnell genug. Verdammt, die letzten Sekunden waren es. ¶ Zeit: 6:18 ¶ Tag 3 Versuch 2 ¶ Evelyn. Evelyn Glanzl. Was ist mit ihr? Jetzt muss Evelyn Glanzl umziehen. Jedes Steinchen und jeden Kristall aus einer Wohnung in die andere umsiedeln, und sie hat das Gefühl, dass das sehr lange dauern kann. Aber sie ahnt nicht, was kommt. In der ersten Nacht, als das Bett schon in der neuen Wohnung stand, da dachte Evelyn, dort gleich zu übernachten. Logo. Also sie legte sich hin und hörte sich eine geführte Meditation an und entspannte sich. Aber der Schlaf war schlecht. Der Schlaf war nicht gut. Der Schlaf war sehr, sehr, sehr unruhig. Sie wollte sich umdrehen, konnte aber nicht. Ging nicht. Es war so, als würde ihr die Bettdecke ständig entgegenkommen. Sie pushte und pushte und pushte und plötzlich fiel das Zeug runter und sie drehte sich um. Unten saßen drei Schwestern, drei tote Schwestern, und flüsterten. Am Ende, als die Nacht um war und die Zeit kam, dass Evelyn aufwachte, sagte die älteste Schwester: „Also hat jede gezählt? Wie oft hat sich Evelyn jetzt umgedreht?“ Und die Mittlere sagte: „Zwei drei Mal“, und die Jüngste sagte: „Eins zwei drei vier Mal“, und die Älteste sagte: „Ich habe auch vier gezählt, deshalb sage ich jetzt, dass sie sich eins zwei drei vier Mal umgedreht hat. Ihr wisst, was das heißt. Das heißt, dass sie eins zwei drei vier Mal die Zeit übersprungen hat und dass eins zwei drei vier Monate vergangen sind.“ Creepy. Das war so spooky für Evelyn. Sie hatte also keine Chance. Die Monate verflogen jede Nacht, wenn sie sich umdrehte. Sinnlose Magie. Einmal war schon ein Jahr um, da wachte Evelyn auf und ging ins Bad, weil aus dem Bad Geräusche kamen, und eins zwei drei vier fünf sechs Mal hat es so geklungen, als würde sich eine Person duschen. Oje. Keine Zeit, geht zum Teufel. Eins zwei drei vier. Nur so kann ich beschleunigen. Ich muss schneller tippen! ¶ 5:57 ¶ Vielen Dank. ¶ Der Text kann nach Bedarf weitergeführt werden.
— * Text, der in einem Stück und ohne Unterbrechungen durch Absätze, Überschriften, Abbildungen, Fußnoten u. Ä. gesetzt wird.
— Aufforderung, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und dabei nicht zurückzuschauen; freihändig draufloszulegen, ohne zu korrigieren; die Buchstaben zu Papier zu bringen und bedenkenlos aus der Hand zu geben.