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Raum-Situationen

Anna-Maria Bogner hat den Umschlag dieser Ausgabe und die Seiten 38 bis 47 gestaltet. In einem Einführungstext schreibt Katia Huemer über die Arbeit der Künstlerin, die stets mit der Wahrnehmung von Raum spielt und – exklusiv für Quart – uns auch in die Leere nach der Ausstellung mitnimmt.


If time is the dimension of change then space is the dimension of the social: the contemporaneous co-existence of others.
(Doreen Massey, For Space, 2005)

Anna-Maria Bogners Kunst ist dem Raum verschrieben. Ihre minimalistischen Arbeiten aus Linien, Flächen, Objekten und Gummibändern in Schwarz-Weiß entfalten sich erst durch die körperliche Erfahrung der Betrachter und Betrachterinnen. Die Künstlerin vermeidet den überstrapazierten Begriff „Installation“ und spricht von Situationen, um den prozesshaften, erfahrungsbasierten Charakter ihrer Arbeiten zu betonen. Denn was sie mit minimalem Materialeinsatz entstehen lässt, ist eine dynamische Erfahrung. Einen Raum, der erst durch die körperliche Interaktion und durch Bewegung Bedeutung erlangt. Situation kommt von situ – dem Ort. Aber ein Ort allein ist noch kein Raum; erst durch Wahrnehmung, Bewegung und Interaktion gewinnt er diese Qualität. Eine Situation ist folglich ein Moment, in dem Raum entsteht. Darüber hinaus wird ein Ort zum sozialen Raum, wenn er mit Erinnerungen, Handlungen und Bedeutungen gefüllt wird. Raum ist somit nie neutral, sondern immer situativ – geprägt von Perspektiven, Emotionen und der Art und Weise, wie wir ihn wahrnehmen.
Seit der Renaissance prägt die Zentralperspektive das westliche Raumverständnis. Leonardo da Vinci, der sich als einer der ersten Künstler mit einer umfassenden Perspektiventheorie beschäftigte, entwickelte mit dem Letzten Abendmahl ein paradigmatisches Beispiel eines zentralperspektivischen Bildaufbaus: Alle Linien laufen auf den Kopf Jesu Christi zu und lenken den Blick des Betrachtenden. Diese Perspektiventechnik zeigt, dass Raumwahrnehmung nicht objektiv ist, sondern von Standpunkt, Erfahrung und kultureller Prägung abhängt. Wir sind darauf geschult, Raum auf eine bestimmte Weise zu lesen – Linien, die in die Tiefe führen, Größenverhältnisse, die sich mit der Entfernung verändern. Jeder Blick in den Raum ist zugleich ein Blick aus einer bestimmten Perspektive und daher nie absolut.
Dieser Gedanke führt zu Henri Lefebvres Theorie aus La Production de l’Espace (1974), in der er argumentiert, dass Raum nicht neutral ist, sondern durch soziale Praktiken erzeugt wird. Ein Gedanke, den Anna-Maria Bogner in ihrer künstlerischen Praxis aufgreift: Ihre Situationen „leben“ erst durch die Menschen, die sie durch ihr Wahrnehmen aktivieren und so erst entstehen lassen. (Wie entscheidend die Partizipation in Bogners Arbeiten ist, zeigt der Umstand, dass von den – ohnedies schwer reproduzierbaren – Situationen kaum Aufnahmen ohne Menschen existieren.) In neueren Arbeiten verstärkt Bogner diesen Ansatz, indem die Räume so konzipiert sind, dass man sie betreten muss.
Schwarze, elastische Bänder, nur sparsam verteilt, spannen sich durch den Raum, während gezeichnete Linien an den Wänden das räumliche Gefüge fortsetzen. Dieses Bild empfing die Besucher und Besucherinnen der Ausstellung THE WALLS (Kunsthaus Göttingen, 2022), in der auch eine Raum-Situation von Anna-Maria Bogner zu erleben war. Was zunächst unspektakulär erscheint, entfaltet sich mit jedem Schritt und Perspektivenwechsel, mit jedem Bücken und Überwinden. Wer sich auf Bogners Raumerfahrung einlässt, bewegt sich nicht nur physisch durch den Raum, sondern auch durch eine stille Selbstbefragung: Wo bin ich? Was wird von mir erwartet? Was darf ich tun?
Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty betonte in Phänomenologie der Wahrnehmung (1945), dass Raumwahrnehmung nicht nur über die Augen geschieht, sondern durch den körperlichen Akt des Erlebens geformt wird. Einige Jahrzehnte später erweitert Michel de Certeau in Kunst des Handelns (1980) diesen Gedanken um die Idee, dass Raum durch Nutzung entsteht. Genau hier setzt Anna-Maria Bogner an: Ohne den Körper keine Handlung, ohne Wahrnehmung kein Raum. Gehen, Handeln, Erleben: Raum ist eine Frage der Praxis, keine objektive Gegebenheit.
Demnach ist Raum nicht nur eine ästhetische, sondern eine zutiefst politische Kategorie. Hannah Arendt
beschreibt in Vita activa (1960) den öffentlichen Raum als Ort politischer Sichtbarkeit im gemeinsamen Handeln und Sprechen. Bogners Kunst überführt diese Idee in die Praxis: Sie fordert die Betrachterinnen und Betrachter auf, aktiv mit ihrer Umgebung zu interagieren – ein politischer Akt, der Machtverhältnisse in der Aneignung und Kontrolle von Raum offenlegt. Gleichzeitig schärft er unser Bewusstsein für die eigene Verortung – und damit für die emotionalen Dimensionen von Raum. Denn Raum kann isolieren, fragmentieren, trennen – Mechanismen, die in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Spaltung verstärkt werden. Die bewusste Auseinandersetzung mit Raum ist daher auch eine Auseinandersetzung mit unserer gesellschaftlichen Ordnung und den Grundfesten unserer Wertvorstellungen. Die Erosion des öffentlichen Diskurses und die Auflösung gemeinsamer Handlungsräume bedrohen die Grundlagen der Demokratie und führen dazu, dass wir unsere Gesellschaft als polarisiert wahrnehmen. In Bogners abstrakten Situationen wird auf subtile Weise deutlich, wie wichtig das Verständnis von Raum als soziale und politische Kategorie ist.
Man könnte an dieser Stelle in Frage stellen, ob jede Kunst politisch gelesen werden muss. Gerade abstrakte, minimalistische Arbeiten wie die von Anna-Maria Bogner, die sich jeder narrativen Lesart entziehen und uns nicht einmal Werktitel als Wegweiser bieten. „Wie kann man sich mit Raumfragen beschäftigen und nicht politisch sein?“, fragt Anna-Maria Bogner in Antwort auf meine Frage nach ihrer intrinsischen Motivation – eine Gegenfrage, die die politische Dimension ihrer Arbeit unmissverständlich in den Vordergrund rückt. Obwohl sie keine Botschaften sendet, legt die Künstlerin Strukturen offen, die das Verständnis von Raum und Wahrnehmung herausfordern. Ihre Kunst ist nicht narrativ, sondern macht sichtbar – oder vielmehr: spürbar –, was oft unbemerkt bleibt: die Mechanismen, die bestimmen, wie wir Raum erfahren und wie wir uns selbst darin verorten. Indem sie gewohnte Wahrnehmungsmuster aufbricht und vermeintliche Selbstverständlichkeiten hinterfragt, entzieht Bogner den Betrachtenden ihrer Werke die gewohnte Sicherheit. Diese Verunsicherung ist das subtile, kraftvolle Statement der Künstlerin. 
Ihre feinen, aber tiefgreifenden Irritationen verweisen auf theoretische Konzepte, die sich mit der Imagination von Raum befassen. So schreibt etwa die Theoretikerin Elizabeth Grosz, dass utopische Räume nur in der Vorstellung existieren – eine Vorstellung jedoch, die neue Perspektiven eröffnen kann. Auch Bogners Arbeiten spielen mit der Idee des Imaginären, indem sie Sehgewohnheiten und raumbildende Imaginationen herausfordern. Ihre abstrahierten Orte sind nicht spezifisch, sondern stehen für kollektive Erwartungen an Raum per se. Die Eingriffe in Landschaftsfotografien etwa – geometrische Störungen in Form von Keilen, Streifen oder Linien – lösen die Motive aus ihrer jeweiligen geografischen Spezifik. Auch in der schwarz-weißen Berglandschaft mit Gletscher, die auf dem Cover des vorliegenden Magazins zu sehen ist, erzeugen sie eine subtile Verschiebung, die das Bild zwischen Dokumentation und Abstraktion oszillieren lässt. Anna-Maria Bogners Kunst ist ein stilles, aber beharrliches Plädoyer, unsere Wahrnehmung, die sozialen Praktiken und die Machtverhältnisse von Raum zu hinterfragen. Denn, auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Ein neutraler Raum existiert nicht. Er entsteht durch unser Handeln und verändert sich in dem Moment, in dem wir über ihn sprechen. Durch Diskussionen teilen wir Perspektiven, deuten Raum neu und füllen ihn mit Bedeutung. Was wir über Raum berichten, prägt, wie andere ihn wahrnehmen – als offen oder begrenzt, als verbindend oder trennend. 
Anna-Maria Bogners Idealvorstellung von Raum führt zurück in die Zeit vor der Renaissance, bevor Künstler und Denker wie Leonardo da Vinci den Blick zunehmend individualisierten. Damals galt Raum nicht als abstrakte Geometrie, sondern als ein kollektives Gefüge, das erst durch Beziehungen Gestalt annahm – ähnlich dem japanischen Konzept des Aïda, das den „Zwischenraum“ zwischen Menschen beschreibt, der Bedeutung und Verbindung schafft. Demzufolge existiert das Individuum nur in der Begegnung mit anderen: Ohne ein Gegenüber, das unsere Existenz bestätigt, bleibt sie unfassbar. Ebenso entsteht Raum nicht durch Grenzen und Linien, sondern durch soziale Dynamik. Aïda ist nicht Abgrenzung, sondern Verbindung. 
Die Linie ist ein zentrales Element im Werk von Anna-Maria Bogner – nicht um Grenzen zu markieren, sondern als Instrument der Wahrnehmungsverunsicherung. Wie bereits erläutert, vermittelt Bogners Kunst keine klaren Aussagen, doch sie macht erfahrbar, wie unser Denken gelenkt und unsere Sicht auf die Welt geformt wird. Raum ist etwas Relationales – stets im Wandel, abhängig von Position und Erfahrung und immer neu verhandelbar. In diesem Kontext lässt sich Donna Haraways Konzept des „situierten Wissens“ anführen. Haraway zeigt auf, dass Wahrnehmung und Erkenntnis stets an einen spezifischen Standpunkt gebunden sind, der von sozialen und kulturellen Bedingungen geprägt wird. Wissen wird durch unreflektierte Muster beeinflusst, die Klassifikationen wie Geschlecht oder Ethnizität aufrechterhalten. Überträgt man dieses Konzept auf Bogners Praxis, wird deutlich, dass auch Raum immer situativ ist – geformt durch Perspektive und Kontext.
Bogners Arbeiten entziehen dem Raum jegliche festen Grenzen und überprüfen, wie wir ihn konstruieren und verstehen. Jede Konstruktion impliziert aber auch eine Dekonstruktion – ein Prozess, der meist ungesehen bleibt. Die Abbildungen, die dieser Text begleitet, zeigen den Moment, in dem dieser Prozess stattfindet. Sie dokumentieren Bogners Raum-Situation im Kunsthaus Göttingen während des Abbaus: Ein Mitarbeiter des Kunsthauses zerschneidet die Gummiseile, die zuvor den Raum strukturiert haben. Ein kurzer Moment der Aufregung, der die ruhige Dynamik der Arbeit durchbricht, bevor diese wieder verschwunden ist. Der Akt des Zerschneidens ist mehr als nur ein technischer Vorgang. Bogner hat sich bewusst entschieden, den Moment des „Zerstörens“ in diesen Artikel einzubinden, da er eine zentrale Dimension ihrer Arbeit offenlegt: die Dekonstruktion als eine notwendige und produktive Kraft. In Zeiten gesellschaftlicher Fragmentierung durch soziale Medien, die uns in Blasen gefangen halten, und zunehmender Polarisierung durch populistische Rhetorik scheint das Moment der Auflösung von Strukturen besonders bedeutsam. Das Politische steckt auch hier nicht in einer unmittelbaren Botschaft, sondern in der Möglichkeit, bestehende Ordnungen und Wahrnehmungen in Frage zu stellen und Raum als etwas Wandelbares zu begreifen – als ein Gefüge, das durch unsere Interaktion und unsere Auseinandersetzung mit ihm neu entsteht. 
Raumfragen sind komplex; nicht ohne Grund haben sich bereits unzählige Intellektuelle damit befasst. Raum ist mehr als eine physische Dimension, er ist ein sozialer, politischer und kultureller Kontext, der unser Denken, Handeln und unsere Wahrnehmung formt. Er kann zugleich begrenzen und eröffnen, Zugehörigkeit schaffen oder Ausschluss bedeuten. Immer ist er auch ein Spiegel von Machtverhältnissen, sozialen Strukturen und historischen Gegebenheiten. 
Kunst macht uns die oft unsichtbaren Beziehungen zwischen Mensch und Raum bewusst. Der künstlerische Dialog mit dem Raum gewinnt in einer als zunehmend gespalten wahrgenommenen Gesellschaft an Dringlichkeit. Anna-Maria Bogner zeigt, dass Raum kein statisches Konstrukt ist, sondern ein lebendiger, sich ständig verändernder Organismus, der neue Formen des Dialogs und der Gemeinschaft zulässt. Gerade in einem Klima, das von Isolationismus und dem Zerfall des öffentlichen Diskurses geprägt ist, wird die Notwendigkeit solcher Räume immer deutlicher: Situationen, die demokratische Prozesse und gemeinschaftliches Handeln fördern, sind entscheidender denn je. In ihren Werken macht Anna-Maria Bogner sichtbar, dass Kunst selbst ein geschützter Raum sein kann – nicht nur zum Betrachten, sondern auch zum Denken, Verhandeln und Agieren. Kunst wird hier zum Katalysator für Dialog und Reflexion über unser gemeinsames Tun – und zur Einladung, Raum als aktiven Bestandteil sozialer Praxis neu zu denken.

 

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