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Mein Jandl

Der Jazzmusiker und Komponist Christian Muthspiel schreibt dem Dichter Ernst Jandl zum 100. Geburtstag ein Ständchen.

„Wasser!“ – brüllte der weit aufgerissene, von einem rundlichen Gesicht unter hoher, schwitzender Stirn umrahmte Mund in Richtung des Mikrophons.
„Wasser!“ – und die dicht an dicht auf Stühlen sitzenden, am Boden hockenden, an den Wänden lehnenden Anhängerinnen und Bewunderer der durstigen Stimmgewalt brachen spontan in frenetischen Applaus und enthusiastisches Gejohle aus, während ein junger, langhaariger Student das schallend Bestellte einem eilfertigen Kellner gleich im Laufschritt servierte.
„Wasser!“ – was für ein Auftritt! Bereits das erste Gedicht? Oder wirklich die schnörkellose Order, das auf Lesetischen obligatorische Glas Wasser, auf welches offensichtlich vergessen wurde, endlich herbeizuschaffen?
Kein huldvoller Auftritt, keine Verbeugung, keine bedeutungsschwere Stille vor dem ersten Vers, kein Getue, keine Wichtigmacherei, nein, bloß ein Wort, ansatzlos und ohne Vorwarnung in das Mikrophon gedröhnt, das „A“ dunkel und tief wie ein Vulkankrater, gefolgt vom Rasseln tausender Klapperschlangen.
Es muss 1982 gewesen sein, im Forum Stadtpark in Graz, als ich auf dringendes Anraten eines um ein paar Jahre älteren Freundes und Musikerkollegen – der sich meiner annahm, mich knapp zwanzigjährigen Jazz-Studenten mitnahm – eine neue Welt betrat, von der ich nichts ahnte und die in den eineinhalb dem „Wasser“-Brüller folgenden Stunden des Deklamierens, Vortragens, Sprechens, Rufens, Schreiens, Röchelns, Schnaufens, Säuselns, Hechelns, Zischens, Brummens, Knatterns, Flüsterns, Singens, Plärrens, Heulens, Kreischens ... all das hinwegfegte und beiseite-
räumte, ja, regelrecht zertrümmerte, was ich bislang mit dem Wort „Dichterlesung“ verband.
„Wahnsinn!“ – es war ein Dutzend Jahre später, diesmal im Odeon Theater in Wien, als der aus den Zuschauerreihen in den langen Nachhall des Saales abgefeuerte Begeisterungsschrei die angespannte Stille zerriss, um einen geradezu erleichterten Szenenapplaus nach sich zu ziehen. Meine Band „Octet Ost“, für die ich als Reaktion auf den Fall des Eisernen Vorhangs sieben Musiker aus sieben Ländern des bald schon ehemaligen Warschauer Paktes für mehrere Tourneen
eingeladen hatte, war an einer komplizierten Stelle
der Partitur trotz gestenreicher Rettungsversuche musikalisch buchstäblich auseinandergefallen, sodass wir unsere Instrumente so lange panisch mehr gegen- als miteinander weiterspielten, bis endlich der geniale Trompeter Tomasz Stan´ko mit einem ungeheuer kraftvollen, rohen und lauten Ausbruch hinauf bis in die höchsten Register seines Instruments das Chaos abrupt stoppte, worauf jener eingefrorene Schockmoment totaler Stille folgte, welche der „Wahnsinn!“-Aufschrei gellend durchbrach.
Der rettende Rufer hieß Ernst Jandl, der in unser Konzert gekommen war und sich, seinem dramaturgischen Instinkt und seiner Intuition als „Bühnentier“ folgend, als genialer Mitspieler erwies und das Malheur
mit „Wahnsinn!“ in den stärksten Moment des Konzertes verwandelte.
Zwischen „Wasser!“ und „Wahnsinn!“ lagen Jahre, in welchen ich mich aufgrund gemeinsamer Auftritte mit Ernst Jandl in den Adelsstand zeitgenössischer Künstlerschaft erhoben fühlte, und der Anfangssatz seines ersten Anrufes an meinem Wiener Vierteltelefon wurde zu meinem liebsten Jandl-Gedicht: „Hier spricht Ernst Jandl, spreche ich mit Christian Muthspiel?“ hätte unter anderen Vorzeichen schlicht als höfliche Begrüßung gegolten, wäre der Anrufer nicht wirklich Ernst Jandl gewesen, der mir diesen Satz in satter Bassstimme mit weit offenen Vokalen und Pfeilen gleich abgeschossenen Konsonanten geradezu verkündete.
Im Frühsommer des Jahres 2000 verstummten Ernst Jandls tiefe Töne, rollende „RRRRRs“ und perkussiv gerappte „Stanzen“ für immer. Viele Jahre zuvor ahnte er bereits, was nach seinem Tod, über die Jahre hinweg schleichend traurige Wirklichkeit werden sollte, und sagte im Verlauf eines Radiointerviews prophetisch: „Die Vorstellung, dass in dem Moment, wo meine Stimme nicht mehr vorhanden ist, auch meine Gedichte nicht mehr vorhanden sein werden, ist eine fürchterliche Vorstellung.“
Fünf Jahre nach Ernsts Tod begann ich eine zehnjährige Serie von Auftritten mit einer „für und mit ernst“ betitelten Soloperformance, in welcher mich die zugespielte Stimme des Dichters durch unzählige Proben und über einhundert Aufführungen führte. Ob auf Theater- und Konzertbühnen, in Jazzclubs, Literaturhäusern, Festivalhallen, Radiostudios oder Kunstgalerien: Keiner dieser doch sehr unterschiedlichen Auftrittsorte wehrte sich gegen die Dichtkunst von Ernst Jandl, keiner war zu „hoch“ oder zu „tief“, keine Bühne zu klassisch oder zu proletarisch, kein Publikum zu ernst oder zu heiter, und es bewahrheitete sich von Auftritt zu Auftritt auf das Schönste, dass Jandls radikales Werk als „Revolution von unten“ gesehen werden muss.
So, wie es der in seinen Ursprüngen von der Straße, aus Bars und Bordells kommende, bei Begräbnissen das Leben feiernde, die Qualen und Entbehrungen des Alltags Ausgebeuteter besingende Jazz mit seinen unzähligen Varianten vermochte, bis in die Tempel und heiligen Hallen der klassischen Musik vorzudringen, Menschen verschiedenster Herkunft, Bildung und sozialer Zugehörigkeit in ein – zumindest für die Zeit des gemeinsamen Hörens – vereintes Publikum zu verwandeln, so trifft Jandls Dichtung, im besten Fall von ihm selbst vorgetragen, auch ohne Vorbildung, Vorwissen, Vorbereitung mitten ins Herz, wie ein guter Song oder etwa ein Solo von Miles Davis dies tut.
Ernst Jandl war ein großer, ja glühender Jazzfan mit einer stattlichen Sammlung einschlägiger Schallplatten, von deren Covers Giganten wie John Coltrane oder Eric Dolphy blickten, und er segnete uns Jazzmusikerinnen und -musiker gleichsam mit der Aussage, dass er keine Gedichte schreiben müsste, hätte er das Vermögen, ein guter Jazzer zu sein. In seinem in treibendem Schlagzeugrhythmus verfassten Gedicht „erstes sonett“ setzt er Jazz mit Lyrik gleich, tanzt als Dichter wie ein Musiker und lässt Sprache so ohrenbetäubend donnern wie den „takt des drummers“.

am reim erkennt man oft die zeile
auch an der wörter gleichen eile
am silbenschlag, der wie der takt
des drummers jene dichter packt
die nie beim jazz in ruhe bleiben
sondern es mit den beinen treiben
den füßen, die den boden schlagen
als könnten sie es nicht ertragen
baß, drums, trompeten, saxophonen
ohne bewegung beizuwohnen.
wir sind vom selben holz gemacht
ihr schlagt und heult, und in uns kracht
ohrenbetäubend tag und nacht
donner der sprache, heult und lacht.

Dass Ernst Jandl mit seinen ureigenen, unverwechselbaren Mitteln selbst ein ganz hervorragender, ja stilbildender Jazz-Performer geworden ist, haben all jene, die Auftritte von ihm als Solist oder gemeinsam mit Musikern erleben durften, sicher in ähnlich plastischer Erinnerung wie ich meine Taufe zum Jandl-Jünger im Grazer Forum Stadtpark 1982.
Seine im Dauerinfinitiv sowie in konsequenter Kleinschreibung gehaltenen Gedichte in „heruntergekommener Sprache“ machen es sich durch die radikale Beschränkung auf die elementarsten Bausteine der Sprache nicht etwa leicht, sondern gehen ganz im Gegenteil tastend, forschend und schürfend an die Grundsubstanz derselben, um ohne Umwege, mit starkem Fokus auf Form, Rhythmus und Timing direkt zu treffen, zu erschüttern, zu berühren: Blues aus Sprache, Jazz aus Worten, Groove aus Silben.

körpern und ewigen

das körpern
sein ein zu
ruinierenden.
wenn ich nicht es tun
du es tun;
wenn du nicht es tun
ich es tun;
wenn du nicht und ich nicht es tun
es es tun;
das körpern
sein ein zu
ruinierenden.

das ewigen
sein ein zu
denkenden,
ein schöner zu
denkenden.
es nötigen
jedoch
einen kraften
und vielleicht
einen bittenden.
das ewigen
sein ein zu
denkenden.

Als Klangarbeiter atonaler Poesie erfindet Jandl Lautgedichte, in welchen er uns in die Hitler zujubelnde Menge tausender Österreicherinnen und Österreicher
auf den Wiener „heldenplatz“ oder in das „reich der toten“ mitnimmt und somit in Klang- und Geräuschwelten mehr erfahren und erleben lässt als durch sinnstiftende Worte und Sätze – in Lyrik verwandelter Free Jazz.

im reich der toten

nnnnnnntsch
nnnnnnntsch
nnnnnnntsch
glawaraaaaaaaaa
üiiiiiiiiiiiiiiiiiiii
glawaraaaaaaaaa
blaaauuuuuuurrruuuuuuurrruuuuuuurrruuuuuuu
glc--------h
dnnnnnnnnnnn
dnnnnnnnnnnn
dnnnnnnnnnnn
s---c---hfffffs---c--- hfffffs---c--- hfffffs---c--- hfffffs---c---h
glllrrrrrrrrrr
glllrrrrrrrrrr
schllllllltnnn
fffffds—c—h
nnnrrrrrrrrrr
nnnrrrrrrrrrr
nnnrrrrrrrrrr

Vom Rap inspiriert, kreiert er seinen eigenen Dialekt der rhythmisch stampfenden „Stanzen“, die alles andere als nette Gstanzln, sondern unter der volksmusikalischen Oberfläche lauernde, zubeißende Zumutungen sind.

doss ma aicha voodalaund
nimois varrotz
homms aunblead uns junge soidoodn
in kriag gjaukt und vahaazt

dide antisemitin
waa heut gean a jiidin
dos sogn kennt: schauz mi aun
d’nazi hom uns nix daun

Wenn er als klagender Sänger den Blues anstimmt für einen, der die Hand nicht zum Gruß hochheben kann, schlägt der braune Mann zu, kriecht ein Gequälter mit zerdroschenem Gesicht, tanzt ein Stiefelriese auf seinem Bauch und fällt er schließlich als Knochensack in ein Massengrab – um endlich dort zu sein, wo er seine Freunde hat.

zertretener mann blues

ich kann die hand nicht heben hoch zum gruß, schau her:
ich kann die hand nicht heben hoch zum gruß.
wo ich doch weiß, wie schlimm das enden muß.

da steht der braune mann vor mir und schlägt. schau nur:
da steht der braune mann vor mir und schlägt.
diesmal heb ich die hand, jedoch zu spät.

ich krieche mit zerdroschenem gesicht. schau weg:
ich krieche mit zerdroschenem gesicht
vor meinem schlächter, doch ich bettel nicht.

ein stiefelriese tanzt auf meinem bauch. hilf mir:
ein stiefelriese tanzt auf meinem bauch.
ich fresse feuer, und ich bettel auch.

bald fällt ein knochensack ins massengrab. ho ruck:
bald fällt ein knochensack ins massengrab.
  dann bin ich, wo ich meine freunde hab.

Als Demonstration sprachlichen Absturzes unternimmt Ernst Jandl – der zeit seines Lebens weder aus der katholischen Kirche noch aus der Sozialistischen Partei Österreichs ausgetreten ist – aus lichter Höhe der ersten, ewigen Worte des Johannesevangeliums eine lustvolle Dekonstruktion des christlichen Schöpfungsmythos im freien Fall bis zu einem lapidaren „flottsch“ hinab.

fortschreitende räude

him hanfang war das wort hund das wort war bei
gott hund gott war das wort hund das wort hist fleisch
geworden hund hat hunter huns gewohnt
him hanflang war das wort hund das wort war blei
flott hund flott war das wort hund das wort hist fleisch
gewlorden hund hat hunter huns gewlohnt
schim schanflang war das wort schund das wort war blei
flott schund flott war das wort schund das wort schist
fleisch gewlorden schund schat schunter schuns gewlohnt
schim schanschlang schar das wort schlund schasch wort
schar schlei schlott schund flott war das wort schund
schasch fort schist schleisch schleschlorden schund
schat schlunter schluns scheschlohnt 
s------------------------------c------------------------------h
s------------------------------c------------------------------h
schllls------------------------------c------------------------------h
flottsch

Und selbst wer sich hier mit „flottsch“ am Ende aller Sprache wähnt, findet Trost bei Jandl, der fröhlich in einen mühelos seine Herzensmusik mit Gottes Sohn vereinenden, lebensbejahenden Gospelchor einstimmt.

ja ja jazz yes jazz jesus

Gewichtigen Anteil an der Improvisationskunst des Jazz haben verschiedentliche und hochartifizielle Techniken der Irreführung, der Körpertäuschung sozusagen. Fertigkeiten, die Erwartbares aus der Balance bringen, falsche Fährten legen, Haken schlagen und somit Spannung und Entspannung minutiös zu gestalten und steuern imstande sind: „Misleading chords“ etwa, also Akkorde, die eine andere harmonische Auflösung als die schlussendlich gehörte erwarten lassen, oder komplexe rhythmische Überlagerungen, welche das ursprüngliche Schema einer sich wiederholenden Anzahl von Takten bewusst verschleiern und verwischen, um so der starren Form die Schwere zu nehmen.
Ernst Jandl überrumpelt uns mit ähnlichen Verfahren der Täuschung, wie etwa vermeintlichem Wiegen in Gewissheit, doppelten Böden, unter deren glatter Oberfläche sich tiefe Abgründe auftun, oder – in atmosphärisch umgekehrter Richtung – Malerei in dunklen Farben, unter welchen Helligkeit und Licht nicht zu vermuten sind. Er führt uns aufs Glatteis, zeigt eine lange Pinocchio-Nase oder lässt uns ausgelassen lachen, nur um im nächsten Moment, mit dem nächsten Wort oder Vers, die Falltür zur Hölle aufzuklappen.
Wenn er im Gedicht „der wahre vogel“ dazu ermuntert, einer Amsel beide Beine abzuschneiden, damit sie „immer fliegend sein“ darf, dann wird das elegante Tier nicht um des Sadismus willen verstümmelt, sondern träumt ein schwerfälliger, von Krankheiten und Gebrechen gezeichneter Erdenmensch vom ewigen Flug, von Schwerelosigkeit, ja, Unsterblichkeit, und verweist im letzten Zweizeiler als musikalische Referenz an Frohsinn und Unbeschwertheit auf den wandernden Müller aus Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“.

fang eine liebe amsel ein
nimm eine schere zart und fein
schneid ab der amsel beide bein
amsel darf immer fliegend sein
steigt höher auf und höher
bis ich sie nicht mehr sehe
und fast vor lust vergehe
das müsst ein wahrer vogel sein
dem niemals fiel das landen ein

Wenn Jandl dagegen den ultimativen Schluss in „von zeiten“ – „und sei es wahrlich zum tod-scheißen“ – herausbrüllt, dann hat er sich, nur vordergründig lustig, in besagter „heruntergekommener Sprache“ schrittweise und geduldig wie ein Buchhalter von „scheißen tagen“ über „scheißen wochen“, „scheißen monaten“, „scheißen jahren“ und „scheißen schalten jahren“ schließlich zu einem „scheißen leben“ durchgearbeitet, an dessen bitterem Ende er auch den Tod mit demselben Fäkalattribut versieht, ohne Hoffnung, ohne jeglichen Trost.

sein das heuten tag sein es ein scheißen tag
sein das gestern tag sein es gewesen ein scheißen tag ebenfalz
kommen das morgen tag sein es werden ein scheißen tag ebenfalz
und so es sein aufbauen sich der scheißen woch
und aus dem scheißen woch und dem scheißen woch
so es sein aufbauen sich der scheißen april
und es sein anhängen sich der scheißen mai
und es sein anhängen sich der scheißen juni scheißen juli august 
    etten zetteren
so es sein aufbauen sich der scheißen jahr
und auf allen vieren der scheißen schalten jahr
und haben jeden der scheißen jahr darauf einen nummeron
neunzehnscheißhundertsiebenundsiebzigscheiß
scheißneunzehnhundertscheißachtundscheißsiebzigscheiß
so es sein aufbauen sich der scheißen leben
schrittenweizen hären von den den geburten
und sein es doch wahrlich zum tot-scheißen

In einer ganzen Reihe von Gedichten arbeitet sich Ernst Jandl an seiner streng katholischen Erziehung durchaus ernsthaft, mitunter auch zornig und wütend ab. Eine wunderbar leichtfüßige Wendung vom streng katholischen Ritual hin zu kindlicher, ja geradezu kindischer Metamorphose des Kreuzzeichens nimmt jedoch das Poem „zweierlei handzeichen“.

ich bekreuzige mich
vor jeder kirche
ich bezwetschkige mich
vor jedem obstgarten 
wie ich ersteres tue
weiß jeder katholik
wie ich letzteres tue
ich allein

Die tiefere Bedeutung von „to jazz“ – also „jazz“ als Verb – bleibt des Dichters Geheimnis, wenn eine englisch-wienerische „Stanze“ Frau und Mann kürzestmöglich in konfrontativen Dialog treten lässt.

jazz me if you can
woman says to man
sogt da maun zua oidn
dazt mi woi fia deppad hoidn 

In Gesellschaft von Jazzmusikern fühlte Jandl sich wohl. Vermutlich konnte er in diesen kurzen Zeitfenstern auch den viele Jahre währenden Kampf um Anerkennung seines Werks, seiner schriftstellerischen Arbeit – und, nicht zu unterschätzen: Arbeitszeit! – ausblenden, waren doch in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg ministerielle Amtsstuben der Kultur und Bildung überwiegend entweder von ehemaligen Nazis oder zumindest stockkonservativen Bewahrern des Guten und Schönen bewohnt; von Männern, die von Literatur und Kunst der Gegenwart nicht nur nichts hielten, sondern diese bekämpften, verächtlich machten und deren Verbreitung zu verhindern suchten. Erst mit 53 Jahren wurde Ernst Jandl vom Schuldienst befreit, was nach fast drei Jahrzehnten als Gymnasialprofessor seiner Qual des Unterrichtens bei Tag und Schreibens in den Nachtstunden endlich – endlich! – ein Ende bereitete. Seine Bittbriefe, Gesuche und Einreichungen an diverse Stellen, ob Unterrichtsministerium, Bundeskanzleramt oder Wiener Stadtschulrat, würden Ordner füllen und bezeugen den kümmerlichen Stellenwert eines längst schon international erfolgreichen und gefeierten Poeten aus Sicht der österreichischen Beamtenschaft und Bürokratie. Zahlreiche Einladungen renommierter Veranstalter, Festivals und Universitäten konnte Jandl aufgrund ablehnender Antworten auf seine Bitten um Karenzen oder unterrichtsfreie Wochen nicht annehmen. Seinen Lebensunterhalt aus Tantiemen für Buchverkäufe und Honoraren für Lesungen zu bestreiten, war ihm jedoch bis in die späten 1970er Jahre nicht vergönnt. Lyrik, noch dazu experimentell, unangepasst, widerständig, fand – und findet nach wie vor – unter dem Radar adäquater Bezahlung statt. Auch das verband ihn mit Jazzmusikern seiner Zeit, von denen die wenigsten von Auftritten und Plattenaufnahmen leben konnten, ohne Lehrverpflichtungen anzunehmen.
Insofern war Jandl, der mit einem Rosenkranz in seinen Händen begraben werden wollte, ganz sicher ein „gläubiger Mensch“: Er glaubte trotz jahrzehntelanger Widerstände, Ablehnung und Ignoranz an sein Schreiben, an die Kraft seiner Lyrik und die unbedingte Notwendigkeit zeitgenössischen Dichtens. Er fiel in lange, dunkle Phasen des Zweifels, um danach wieder und immer wieder neu und von vorne zu beginnen, eine Tür ins Unbekannte aufzustoßen, einen „Motor anzuwerfen“, wie er es selbst formulierte, um in teils selbstzerstörerischen Schreibanfällen Neues, wirklich Neues zu erfinden.
Dass es ab den 1980er Jahren Preise – unter anderen die nach Büchner, Kleist und Hölderlin benannten – und Auszeichnungen auf Jandl regnete und die Vielzahl der Einladungen zu Lesungen, die in Wahrheit hochenergetische „Spoken Poetry Performances“ waren, weit über seine Kapazität ging, war nur gerecht, wenn auch (zu) spät.
„Komm! ins Offene, Freund!“ beginnt Hölderlin seine Elegie „Der Gang aufs Land“. Ein Anruf, ein Aufruf, das Gewohnte, Gekannte, Gekonnte fortgesetzt und jedes Mal neu infrage zu stellen und zu verlassen, um aufzubrechen.
Ernst Jandl musste dazu nicht erst aufgefordert werden.

an der schreibmaschine

die tas-
ten

die fin-
ger

das tip-
pen

das klap-
pern

Ernst Jandl, Werke in 6 Bänden (Neuausgabe), hrsg. von Klaus Siblewski © 2016 Luchterhand Literaturverlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

 

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