Für Quart reiste die Fotografin Hertha Hurnaus entlang der alten Brennerstraße. Das Ergebnis dieser Erkundung ist auf den Seiten 70–79 zu sehen. Michael Obrist, einer der Gründungspartner von feld72 architekten, beschreibt vorweg diesen Grenzraum voller Überlagerungen von Geschichte und Gegenwart.
Natürlich hätte Goethe lieber die Autobahn genommen – wenn es sie denn schon gegeben hätte. Doch er musste die alte Brennerstraße wählen, jene, die sich heute nur noch zögerlich durch das Geröll und die Erinnerungen windet, hinauf zur Passhöhe. Dort oben, wo er sich 1786 eingeklemmt fühlte, zwischen Felswänden und Engstellen, fühlt man sich auch heute noch eingeklemmt – nur sind es jetzt Outlet-Center, Parkhäuser und LKW-Staus, die die Passage erschweren. Die Grenze? Sie bleibt. Lapidar. Auch wenn Schengen sie offiziell abgeschafft hat, bleibt die geographische Barriere bestehen, eine Überlagerung aus Geschichte und Gegenwart.
Fabrizio Plessi, der Venezianer, hat sich diesen Ort ausgesucht, um ein Museum zu bauen. Oder vielmehr: eine letzte Bastion. Direkt an der Autobahn, integriert mit einer Raststätte, in Zement und Stahl gegossen wie die Grenze, die keine mehr sein soll. Plessi arbeitet mit Wasser, Bewegung, Licht – ironischerweise sind das die Dinge, die am Brenner heute beim Durchfahren am wenigsten wahrnehmbar sind. Denn was man sieht, ist Beton. Autos. Schilder, die ankündigen, dass ein paar Meter weiter das italienische Mobilfunknetz beginnt.
Man kann am Brenner nicht einfach stehen bleiben. Selbst wenn man es versucht. Es ist ein Ort der Transformationen. Hier rasten bedeutet, sich in einer Autobahnraststätte wiederzufinden, zwischen Energy-Drinks, leeren Espressotassen und halbgaren Sandwiches. Direkt unter der Autobahn liegt der Brennersee –
eine stille Erinnerung an die Landschaft, die einst war, jetzt jedoch getrennt durch das, was die Moderne hier hinterlassen hat. Die Autobahn trennt das Davor vom Dahinter, so wie sie alles Nahe voneinander trennt
und gleichzeitig alles Ferne miteinander verbindet. Das alte Brennerdorf drängt sich noch immer an den Hang, während zwischendrin das Outlet weiterwuchert. Ein absurdes Bild: Am Brenner ist alles in Bewegung – und doch bleibt alles stehen.
Die Grenze, die keine mehr ist, bleibt sichtbar. Nicht nur in den Passkontrollen, die in Krisenzeiten wieder aufflackern, sondern in den Ökonomien, den Rhythmen, den Warenströmen. Die Züge kommen an, die Menschen steigen um, Touristen schleppen Einkaufstaschen voller Markenware. Ein Ort, der einst ein Hindernis war, ist nun eine Transitzone. Oder doch nicht? Für die, die kaufen, ist die Grenze unsichtbar. Für die, die reisen, vielleicht. Für die, die flüchten, auf keinen Fall.
Der Tunnel, der noch nicht da ist, aber da sein wird, ist eine weitere Überlagerung. Eine weitere Transformation. Eine weitere Schichtung unter der Landschaft, unter der Geschichte, unter dem, was vom alten Brennerdorf übrig ist. Eingeklemmt, wie Goethe sich einst eingeklemmt fühlte, damals, vor Jahrhunderten, als noch Fels da war. Nur Fels, keine Autobahn, kein Outlet, kein Parkhaus. Nur Grenze, nur Übergang.
Die Reparaturwerkstätte in Steinach erzählt von einer anderen Zeit, vom Autoboom der Nachkriegszeit, von vergangenen und gegenwärtigen Ökonomien. Sie ist noch da, aber nicht mehr so richtig. Wie vieles am Brenner. Ein Zeugnis der Transformation, das langsam selbst verschwindet. Denn am Ende bleibt nur, was sich verkaufen lässt, was sich rentiert, was sich in den Fluss der Waren und Kapitalströme einfügt.
Der Brenner, dieser Übergang, der keiner mehr sein sollte, aber immer noch einer ist. Weil er sonst nicht mehr wäre, weil er sonst verschwunden wäre. Weil er sonst nur noch das wäre, was er längst ist: ein Ort, den man passiert, aber nicht mehr sieht. Ein Ort, begraben unter Schichten aus unseren jeweiligen Baumaterialien und Kapital. Ein Ort, neben den Felsen in Beton gegossen. Lapidar.
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