Nichts und wieder nichts zu Douglas Adams, Innsbruck und dazu, warum die Science Fiction das wichtigste aller unwichtigen Genres ist. Ein holistischer Essay von Florian Josef Rinderer
Vorspiel (ohne Theater)
Mit dem Schreiben und auch mit dem Lesen ist es so eine Sache: Gibt man nicht Acht, verheddert man sich in einem endlosen tholianischen Netz, das alles nicht nur auf der textilen Oberfläche miteinander verbindet und verwebt, denn Interesse – durchaus in seinem wortwörtlichen Sinn aufgefasst – ist der Klebstoff, der die Dinge, Gedanken, Ereignisse, Lebensformen mitein-ander verbindet. Diese Form des Holismus findet sich als Bindemittel in allen Romanen, die Douglas Adams je schrieb. Schreiben? Da war doch etwas – etwas mit Übertreibung und verrückten Ideen. Beides werden Sie in den folgenden Zeilen finden, beides finden Sie auch bei Douglas Adams. Glauben Sie nicht? Dem Erbsenzähler Gregor Mendel – Pah, Erbsen! – hat man auch nicht geglaubt. Sehen Sie, das ist ganz einfach!
Während ich hier schreibe, verrinnt die Zeit, natürlich viel zu schnell, denn ich bin – wieder einmal! – viel zu spät dran und frage mich, ob es mir wie Mister Adams ergehen wird und ich vom Redaktionsteam in ein Hotelzimmer eingesperrt werde, bis der Text vollendet ist. Ich komme gerade vom Kühlschrank zurück: Bitte, bitte sperrt mich in ein Hotelzimmer – am besten in eines mit Zimmerservice.
Wie gesagt: übertreiben, imaginieren, verrückte Ideen, dazu immer wieder und wieder dasselbe Lied auf dem Plattenteller. Wenn Sie wollen, können Sie zwischen den Zeilen lesen und heraushören, welches es ist …
I. Zeit und relative Dimensionen im Raum
Eigentlich liegt alles ganz einfach auf der Hand. Die Antwort auf die Frage, was genau Douglas Adams mit Innsbruck und der Hitchhiker’s Guide to the Galaxy mit Science Fiction zu tun hat, lautet: zweiundvierzig / 42.
Allerdings, und damit verlassen wir das Feld der Einfachheit, würde eine solch komprimierte, philosophische Sentenz einen ganzen Fußnotenwald und darin eine unendliche Manifestation an Kommentaren nach sich ziehen. Da mir Fußnoten, vor allem Fußnoten in Fußnoten, untersagt worden sind, braucht es einen anderen Anfang. Vielleicht mit dem Menschen selbst. Was wurde der Mann nicht alles genannt?! Witzbold. Satiriker.
Spinner. Science-Fiction-Papst. Scharlatan. Idealist. Der Terry Pratchett der Science Fiction. Apple-Werbe-Männchen. Atheist. Faulenzer. Denker. Engländer! Und wer hat nicht alles über ihn geschrieben?! Muss dann noch unbedingt ein Vorarlberger über Herrn Adams schreiben? Er muss! Vielleicht sollte es der Ostösterreicher mit dem Vorarlberger halten wie Mister Adams mit dem Waliser und ihn als das anerkennen, was er ist: unverständlicher Sprachmagier, unendlicher Sturkopf und nicht ganz ernst zu nehmen. So ausgerüstet können wir beginnen …
Man müsste schon eine Typ 40 TARDIS besitzen, um damals, im Jahre 1971, dabei sein zu können. In Ermangelung einer solchen und wohl wissend, dass sich lediglich die österreichische Politik von Zukunftstechnologien Hilfe für gegenwärtige Probleme erhofft, muss eine andere Lösung oder zumindest eine alternative Herangehensweise gefunden werden. Ich glaube, es war Herr Adams selbst, der einmal meinte, etwas vom Besten am Schreiben sei, dass man die Leerstellen zwischen den Fakten mit eigenen Einfällen, Gedanken, Phantasmen füllen kann. Nun denn, damit wollen wir es versuchen.
Es muss eine angenehme, laue Nacht gewesen sein, als Douglas Noël Adams nach einem Saufgelage im östlichen Innsbruck liegen bleibt – im wahrsten Sinn des Wortes, denn er hat vom Gössertrinken so einen im Tee, dass er einfach in einem Acker in der Reichenau etwas abseits des Campingplatzes, wo er logiert, auf dem Boden liegt, in den bestirnten Himmel über sich blickt und anfängt, vor sich hin zu fantasieren. Er findet, es wäre endlich an der Zeit, dass irgendein Teufelskerl einen Reiseführer über das Reisen per Anhalter durch die Galaxis schriebe. Oder sich zumindest ein Handtuch umwürfe und aufbräche, quer durch das Universum, vorbei an Mars, Neptun, Pluto, die Sternenkonstellation Kasterborous querend, um am Rand in einer heruntergekommenen Beiz ein Glas Gösser zu trinken. Na ja, vielleicht war das letzte Bierchen doch etwas verdorben gewesen …
Nur, wie war er hierhergekommen? Vogonen? Romulaner? Jüdische Weltverschwörung? Oder doch nur der Große Grüne Arkelanfall? Ich meine, „Innsbruck“ klingt irgendwie ausgedacht, nicht so zeitgemäß und realitätsverwurzelt wie „Oenipontum“. Was also beim
großen Bob war passiert? Der Student und Aushilfskomiker Adams war, ausgestattet mit einem alten Reiseführer, etwas Kleingeld und einem immensen Durst, auf seinem sommerlichen Ferien-Road-Trip durch Europa in den Tiroler Bergen liegen geblieben und fabulierte wild vor sich hin.
Interessanterweise vergisst Herr Adams das Ganze und versucht sich daheim im Empire wieder als Student der Literaturwissenschaft. Es gelingt ihm, sein Studium zu beenden, und über mehrere Umwege – unter anderem als Sketchautor und Statist für Monty Python – erinnert er sich Ende der Siebzigerjahre wieder an die Ideen jener Nacht. Mittlerweile ist er Drehbuchautor bei Doctor Who und werkelt vergnügt an den Abenteuern des Vierten Doktors. Nebenher schreibt er an einem Hörspieldrehbuch. 1978 wird der vierteilige Doctor-Who-Handlungsbogen The Pirate Planet verfilmt und BBC4 sendet die erste Hörspielversion von The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy. Dabei findet Herr Adams zu einer Arbeitsweise, die er fortan nicht mehr ändern wird: Er importiert ganze Handlungselemente, Dialoge, Ideen und Überlegungen seiner Doctor-Who-Drehbücher in seine Romane und Radioskripte. Man stößt immer wieder auf leistungsstarke Großrechner, die mit erstaunlicher Präzision Antworten auf Fragen geben, die ihnen eigentlich so gar nicht gestellt wurden. Die Sache mit den Krikkit-Kriegern bei Doctor Who macht einen Großteil der Handlung in Life, the Universe and Everything, dem dritten Teil der fünfbändigen Trilogie, aus. Der Cambridge-Professor, der mehrere hundert Jahre unbemerkt denselben Lehrstuhl innehat, da jeder im akademischen Betrieb sein eigenes Süppchen kocht, sein Pfeifchen alleine raucht und mit derart obskuren Dingen beschäftigt ist, dass er sowieso kaum aus dem Haus oder dem Gelehrtenzimmer kommt, taucht schließlich in Shada, dem vermutlich legendärsten, weil unvollendeten Doctor-Who-Handlungsbogen, und in Dirk Gently’s Holistic Detctive Agency auf.
Ab nun läuft alles wie geschmiert: Mister Adams wirft bei der BBC hin, aus dem Hörspiel werden ein Roman, eine Fernsehserie, ein Kinofilm, ein Musical, ein Theaterstück, diverse Computer-, Karten- und Brettspiele, Comics und eine eigene Handtuchlinie.
III. Die Verzückungen des Goldes
Zeitsprung! Glauben Sie nicht? Lassen Sie mich Ihnen etwas über Glauben erzählen. Keine Sorge, ich möchte Ihnen nichts schildern, das selbst Anthroposophen, Homöopathen und anderen interessanten Vertretern der Menschheit schwerfällt zu glauben, sondern lediglich über die Dauer des Glaubens an sich. Hören wir dazu Bruder Douglas: „Der Glaube, der Berge versetzte oder sie zumindest entgegen allen zu Gebote stehenden Beweisen für rosa hält, war ein fester, beständiger Glaube, ein mächtiger Fels, gegen den die Welt schleudern konnte, was sie wollte, er hätte trotzdem nicht gewankt. In der Praxis allerdings währte der Glaube im Durchschnitt ungefähr vierundzwanzig Stunden.“ Ich glaube, dass Sie mir glauben, und Sie müssen mir glauben – zumindest so lange, wie Sie diesen Text lesen.
Wo waren wir? Ah ja, Zeitsprung! Zeit muss vergehen. Bleibt sie stehen, tun sich ungeahnte Probleme auf. Aber das heißt nicht, dass sie, oder zumindest Teile von ihr, übersprungen werden können. Die entscheidende Frage dabei ist, ob es Gründe dafür gibt, warum eines nach dem andren abläuft, und ob man es vielleicht unter Umständen aufhalten könnte. Das Einzige, worauf man achten sollte, ist, dass nichts, das war, nach vorne springt und dann wieder ist oder wird. Denn wenn wir etwas aus gut fünfundsiebzig Jahren Fernsehen gelernt haben, dann, dass Wiederholungen langweilig sind.
Am 13. März 1995 ist Herr Adams zurück in Innsbruck! Na ja, wahrscheinlich ein paar Tage früher, denn am Dreizehnten startet er seine Lese-Welttournee im Treibhaus. Es ist ihm ein inneres Anliegen, zumindest ungefähr dort mit seiner Reise zu beginnen, wo der ganze Schlamassel angefangen hatte. Von dem Auftritt gibt es nicht wirklich Ton- und Bildquellen, auch die Zeitungsarchive und -kritiker schweigen auffällig. Aber es gibt eine Handvoll Menschen, die dabei waren und über den Abend spotten, schwärmen, jubilieren, nölen, sodass man sich beim Zuhören nicht sicher ist, ob wirklich alle auf derselben Veranstaltung waren. Vielleicht waren sie auch nicht alle zur selben Zeit am selben Ort – oder in der gleichen Dimension.
Ich fürchte, jetzt haben wir – oder eigentlich ich – etwas Chaos in der Quantenebene verursacht, sozusagen temporalen Staub aufgewirbelt. Aber was kann ich dafür, wenn zwei Momente im Raum-Zeit-Kontinuum näher beieinanderliegen als die Distanz, die tatsächlich zwischen ihnen existiert, selbst wenn sie nur subatomar ist?! Eine TARDIS macht schließlich auch nichts anderes. Ich weiß, Doktor Adams würde jetzt etwa Folgendes sagen: „Die komplizierten Wechselbeziehungen zwischen Ursache und Wirkung widersetzen sich jeder Analyse. Das Kontinuum ist nicht nur wie ein menschlicher Körper, es ist auch einer schlecht geklebten Tapete sehr ähnlich. Drücken Sie hier eine Blase runter,
bläht sich irgendwoanders eine auf.“ Aber zum Glück ist er gerade verhindert und nicht da.
Wahrscheinlich geht er wieder einem seiner Lieblingshobbys nach und doziert über die Vorzüge von Computern. Ich kann Prediger Adams schon hören – Sie auch? „Bald werden Computer so im Übermaß vorhanden sein wie Staub – dann kann man Computer überallhin verstreuen. Nach und nach wird die gesamte Umwelt viel aufgeschlossener und klüger, und wir werden ein Leben führen, das sich die in diesem Moment auf dem Planeten lebenden Menschen nur sehr schwer vorstellen können.“ War das naiv? Ging die Science Fiction mit dem Science-Fiction-Autor durch? Hat er gar heimlich Lem, Bloch, Arendt und Wajcman gelesen? Der Fairness halber muss gesagt werden, dass Herr Adams, obwohl gerne von Freunden, Verehrern, Feuilletonisten anderes behauptet wird, keine seherischen Gaben besaß und im Jahre 2000, als er dies sprach, mit seinem Kopf ganz woanders war. Wo? Woher soll ich das wissen – ich habe doch keine seherischen Gaben … Ah, dichterische Veranlagung, meinen Sie – vielleicht dachte er ungefähr Folgendes: „Neue Sichtweisen, neue Erkenntnisse über das Universum, ständig neue Erkenntnisse darüber, wie das Leben funktioniert, wie wir denken, wie wir wahrnehmen, wie wir kommunizieren.“ Hatte er nicht darum seine Bücher geschrieben? War er nicht deswegen wieder zurück in Innsbruck? War das eine Möglichkeit? Eine Alternative? Tut mir leid, aber mein Name ist nicht Phil…
Die Schrecken und die Schönheiten der Mathematik – fraktale Landschaften etwa, oder die Fibonacci-Folge, um nur zwei von unzähligen Beispielen zu nennen – decken sich mit den endlosen, ewig komplizierten, vielstimmigen und oft Schwindel erzeugenden Bach-Kompositionen, die immer wieder mit (mathematischen) Spiralen verglichen werden. Was hat das jetzt mit Innsbruck zu tun? Rein gar nichts! Außer dass Doktor Erwin Schrödinger, als er dereinst durch die Stadt spazierte, ähnliche Gedanken hatte. Oder war es doch Douglas Adams? Zuweilen verwechsle ich die beiden …
Schrödingers Kapitel. Die Poetik der Möglichkeit
Herr Adams machte sich einen besonderen Spaß daraus, physikalische Überlegungen, Theorien und Gleichungen in seine Bücher einzuarbeiten. Es treten unter anderem auf: das Einstein-Podolsky-Rosen-Paradoxon, die Wellenmechanik, der Feynman-Effekt und natürlich Schrödingers Katze. Seriöse Literatur kreiert manchmal amüsante Physik – oder war es doch andersherum? Daran angelehnt wäre Science Fiction eine Welt der Wahrscheinlichkeiten, mal nahe an, mal weit entfernt von dem, was man Wirklichkeit, Realität, Fakten nennt. Sie ist Erzählen im Konjunktiv, also im Möglich-Sein beziehungsweise im Für-möglich-Halten, sich dessen bewusst, dass es für eine Vielzahl an Ideen, Gedanken, Theorien mehr als eine Verlaufslinie, mehr als ein Ende geben kann: Es könnte so sein, aber auch ganz anders. Und dann ist Science Fiction natürlich noch Spiel – ein wundervolles Spiel! Solch ein Spieler, Denker, Autor war Mister Douglas, nicht nur in Innsbruck …
V. Der Rest
Douglas Adams ist mittlerweile in Großbritannien auf der verpflichtenden Leseliste, die man bewältigen muss, wenn man von der Schule zur Universität wechseln will – vermutlich wegen Lehrsätzen wie diesem: „Großbuchstaben waren immer die beste Art, mit Dingen fertig zu werden, auf die man keine gute Antwort wußte“, und wegen der Einsicht, dass kalte Pizza unabdingbar ist, um gute Detektivarbeit verrichten zu können.
Und die große Stadt am Inn? Die muss mit ihren ganz eigenen Problemen, Entscheidungen, Ereignissen fertigwerden. Zum Beispiel mit diesem: Das Fleckchen, von dem aus Douglas Adams einst in das Sternenmeer geschaut und vor sich hingeträumt hat, ist längst – und hier überholt uns die Ironie wild grinsend und winkend –
einer breiten, fest asphaltierten Straße gewichen …
Zu düster und pessimistisch für ein Ende? Was soll ich machen, so ist das Leben manchmal. Na gut, ich will ja nicht so sein und verrate Ihnen am Ende unserer gemeinsamen Reise durch die Universen noch etwas Aufmunterndes: Es wäre eventuell, vielleicht, ich meine, es ist sehr, sehr unwahrscheinlich, aber es wäre womöglich unter Umständen möglich, dass die Frage auf die Antwort gefunden wurde: „How many roads must a man walk down / Before you call him a man?“