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„Es geht um das Menschliche.“

Wenn in einem Tiroler Dorf nahezu alle Männer lange Haare und Bärte tragen, befindet man sich in Erl, wo alle sechs Jahre die Passionsspiele über die Bühne gehen – und das seit 1613. Ortstermin von René Freund

Erl hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Die Kirche hat keinen Hauptplatz, und irgendwie franst Erl entlang der Straße aus und verliert sich in Wiesen und Feldern. Dennoch habe ich mich in Erl regelrecht verliebt: Ortskern hin oder her, die Erlerinnen und Erler, das sind kernige Leute. Tiroler halt, könnte man sagen, aber so tälerisch tirolerisch sind sie nicht. Erl liegt am letzten Zipfel des österreichischen Inntals. Danach beginnt Bayern. Es ist höchst kurios, dass in der Wirtsstube gleich nach der Grenze tiefstes Bayerisch gesprochen wird, während die Erler Sprache ein etwas weicheres Tirolerisch ist – wie wir gleich bemerken, als Karl Anker uns vor dem Hotelgasthof „Beim Dresch“ begrüßt.

Karl ist nicht nur Chef des Hauses, sondern auch Obmann des Passionsspielvereins. Er trägt – wie heuer fast alle Männer in Erl – die Haare schulterlang, und sein Bart hat biblische Ausmaße erreicht. Ob er immer so aussehe, frage ich. Karl lacht. „Nein, das ist nur für die Passionsspiele.“ Und woran könne man Frauen erkennen, die mitspielen? „Die tragen entweder auch lange Haare oder auf der Bühne ein Kopftuch.“ Ein Ort im Theaterfieber. Sogar die Autos in Erl sind fast ausnahmslos mit großen Aufklebern dekoriert, die die Passionsspiele bewerben. Es ist März 2025. Noch gut zwei Monate bis zur großen Premiere, auf die Erl seit drei Jahren hinfiebert.

„Du musst Erler sein“

Karl Anker führt uns in die Gaststube. Er wirkt wie ein alttestamentarischer Prophet, der gleich eine göttliche Botschaft verkünden wird. Stattdessen fragt er, was wir trinken wollen – und nimmt sich Zeit, die vielen Fragen zu beantworten, die sich aufdrängen.

Die Passionsspiele von Erl sind ein riesiges Spektakel: Ein Drittel der Einwohner macht in irgendeiner Weise mit, das sind an die 600 Leute. Beim Einzug in Jerusalem stehen 450 Menschen auf der Bühne. Wie ist es möglich, so viele Leute zu rekrutieren? Immerhin müssen alle Mitwirkenden monatelang an Proben teilnehmen, und freie Wochenenden fallen den ganzen Sommer lang aus. „Wir vom Passionsspielverein gehen von Haus zu Haus“, erzählt Karl Anker, „und fragen, wer mitspielen will. Später gibt es im Ortsblatt noch einen letzten Aufruf, denn natürlich darf niemand ausgeschlossen werden. Gott sei Dank haben wir keine Nachwuchsprobleme. Die schwierigste Gruppe sind die Sechzehn- bis Achtzehnjährigen, die woanders in die Schule gehen. Aber dadurch, dass viele schon als Kinder mitgespielt haben, ist die Tradition des Passionsspiels in jeder Familie fest verankert.“

Bei der Befragung im Ort stellt sich auch bald heraus, wer im Chor oder bei der Technik mitarbeiten will und wer bereit ist, eine Sprechrolle zu übernehmen. Wie aber wird Jesus gefunden? Die Rolle des Heilands ist doch wahrlich kein Spaziergang! Karl Anker schmunzelt und streicht sich durch den Bart: „Wir haben heuer sogar zwei Jesusse, weil wir alle Hauptrollen doppelt besetzt haben. Das machen wir seit 2019 so, denn wenn jemand ausfällt, ist die gesamte Vorstellung gefährdet, und das können wir nicht riskieren. Es gibt eine Phase der Ideenfindung mit dem Spielleiter, wer Jesus darstellen könnte. Dann haben wir angefragt – und Zusagen erhalten.“
Die Jesusse müssen bereit sein, nicht nur das Kreuz auf sich zu nehmen, sondern auch viel Verantwortung. Reich wird übrigens niemand. Die Mitwirkenden bekommen ein Auftrittsgeld – 5 Euro die Kinder und 20 Euro die Erwachsenen. „Jesus bekommt auch nicht mehr als die anderen“, erzählt Karl Anker. „Aber das ist kein Thema. Man macht das nicht für Geld.“

Anker spielt heuer Johannes den Täufer: „Es gibt im Stück Rückblenden, in denen Jesus sich an seine Kindheit und Jugend erinnert, und da kommt meine Rolle zum Tragen. Es geht viel um das Menschliche und es ist wichtig, sein Inneres nach außen zu kehren. Wir haben zum Glück einen Regisseur, der uns motiviert, aus uns herauszugehen, etwas preiszugeben.“ Gibt es bei den Proben manchmal Streit oder Beleidigtsein? „Nein. Also wirklich ganz selten. Das Wichtigste bei der Suche nach einem Regisseur ist, dass er mit Laiendarstellern gut umgehen kann. Alles andere hilft uns hier nicht weiter. Wir sind nicht schlecht, aber wir sind keine Profis.“
Der Regisseur, der diesen Anforderungen entspricht, ist heuer Martin Leutgeb. Das Bühnenbild stammt vom international renommierten und Opern-erfahrenen Hartmut Schörghofer. Christian Kolonovits, bekannt geworden als Schöpfer zahlreicher Austropop-Hymnen, hat die Passionsmusik komponiert, die hohe Anforderungen an die 27 Orchestermitglieder stellt, auch sie alle Laien. Die neuen Kostüme hat die erfahrene Gewandmeisterin Elke Einberger entworfen – in erster Linie für die Hauptrollen, denn bei einer so großen Besetzung muss man sich natürlich aus dem vorhandenen Fundus bedienen.
„Wie katholisch muss man sein, um mitzuspielen?“, möchte ich wissen. Die Antwort von Karl Anker kommt prompt: „Gar nicht – du musst nur Erler sein.“
 
Ein Ortsfremder ist dabei

Obwohl die Statuten das seit Jahrhunderten vorschreiben, wendet meine Begleiterin ein, sie kenne einen Darsteller, der nicht aus Erl stammt. Große Verwunderung bei Karl Anker: „Wer?“ – „Der Esel!“, antwortet sie. Karl lacht. „Stimmt, der Esel ist Oberösterreicher. Aber der Leo wohnt schon lange hier in Erl. Er hat für seinen Auftritt eine eigens konstruierte Eselrampe, über die er auf die Bühne kommt.“
Esel Leo kommt erst bei den Durchlaufproben zum Einsatz, die etwa zwei Monate vor der eigentlichen Premiere am 25. Mai starten. Einzelne Szenen werden bereits seit Oktober geprobt – abends zwischen 18 und 23 Uhr, am Wochenende von 10 bis 20 Uhr. Ab April findet jeden Tag eine Probe statt. Das ist vor allem deshalb nötig, um die Abläufe zu perfektionieren: „Es ist nicht so einfach, 450 Menschen auftreten zu lassen, und noch schwieriger, sie wieder von der Bühne abgehen zu lassen“, erzählt Karl Anker. „Die Aufregung ist vor allem bei der Premiere groß, weil eine gute Premiere die beste Werbung für die weitere Spielsaison ist.“
 
Knapp drei Stunden mit einer längeren Pause dauern die Aufführungen, die um 13.30 Uhr beginnen. Auch das Buffet direkt beim Passionsspielhaus wird natürlich von Einheimischen betrieben – vor der Vorstellung und in der Pause kann man sich für die Passion Christi mit Brezen, Gulaschsuppe und Würsteln stärken.
Bereits ein Jahr vor der Premiere gibt es einen Aufruf an alle mitwirkenden Männer, sich nicht mehr zu rasieren und sich die Haare nicht schneiden zu lassen. „Kunstbärte und Perücken sind bei uns absolut verboten“, sagt Karl Anker, „und natürlich sind auch moderne Accessoires wie Ketten, Ringe oder Armbanduhren tabu.“ Nach der letzten Vorstellung, die heuer am 4. Oktober stattfindet, gäbe es viel Wehmut, aber: „Es überwiegt die Erleichterung.“ Und was passiert mit den Haaren und Bärten? „In den Garderoben warten bereits Friseurinnen und Friseure, denn alle wollen ihre Haarpracht wieder loswerden. So kommt es, dass viele Männer in Erl ganz plötzlich wieder um zehn Jahre jünger aussehen.“
 
Kein Wunder, dass die Passionsspiele in Erl bei diesem Aufwand „nur“ alle sechs Jahre stattfinden – in Oberammergau zum Beispiel hat sich ein Zehnjahres-Rhythmus etabliert. Muss man sich in den sechs Jahren bis zum nächsten Passionsspieljahr so verhalten, dass man niemanden vergrault? Karl lacht. „Nein, das musst du nicht. Es darf Konflikte geben wie in jedem anderen Ort auch. Aber das Spiel steht immer im Vordergrund, es ist das oberste Ziel. Ob da jemand politisch anderer Meinung ist, darf dann keine Rolle spielen.“
 
Gute Quellen

Da ihre Küche an dem Tag geschlossen ist, empfehlen uns Karl und seine Frau Martina, abends in den Gasthof „Blaue Quelle“ essen zu gehen. Auf dem Weg dorthin könnten wir auch gerne bei den Proben im Passionsspielhaus vorbeischauen – „aber zieht’s euch warm an, es ist saukalt da drinnen.“
Auf dem Weg zu unserem Gasthof kommen wir an zwei merkwürdigen und bemerkenswerten Gebäuden vorbei, die sich abseits vom Ortskern an einen bewaldeten Hügel schmiegen. Das eine ist weiß und dreht sich schneckenartig ein, das andere ist je nach Lichteinfall schwarz oder grau und weist in verschiedene Richtungen, man weiß aber nicht, in welche. So unterschiedlich die beiden Bauwerke auch sein mögen, sie passen gut zusammen. Sie berühren einander auf der grünen Wiese gleichsam mit Fingerspitzen. Während das Passionsspielhaus wie ein weißer Fels in der Brandung steht, liegt das 2012 eröffnete Festspielhaus wie ein dunkler, eleganter Schatten auf der Landschaft. 
Die Blaue Quelle, die einen Teich mit berückend schönem Wasser in den schönsten Blautönen speist, liegt zu unseren Füßen. Wir betreten den in unmittelbarer Nähe liegenden Gasthof gleichen Namens, der eigentlich ein Restaurant ist, jedenfalls nach meiner Definition, wonach Stofftischtücher das Restaurant vom Gasthaus unterscheiden. Auch wenn Restaurant feiner klingen mag: Das Urige, Urtümliche der Holzstube strahlt tiefe Gemütlichkeit aus. In der „Blauen Quelle“ kocht der Chef Alex Struth hervorragende Gerichte aus regionalen Zutaten, während seine Frau Gaby sich um die Gäste kümmert. Und zwar so, dass man sich spätestens nach dem zweiten Besuch als Familienmitglied fühlt.
Am Nebentisch sitzt ein Mann mit Vollbart, eine apostelhafte Erscheinung älteren Semesters – sicher auch ein Darsteller, denke ich. Wir kommen ins Gespräch. Irgendwie kommt er mir bekannt vor, und als er erwähnt, er sei Musiker, fällt der Groschen: Natürlich, der Mann am Nebentisch ist Gustav Kuhn, 1997 Mitbegründer und bis 2018 künstlerischer Leiter der Tiroler Festspiele Erl. Und eine unerschöpfliche Quelle für Geschichten aus dem Ort. „Wusstet ihr, dass die Passionsspiele durch einen Versicherungsbetrug gerettet werden sollten?“, fragt Kuhn. Das wussten wir natürlich nicht. „Die Nazis führten im Jahr 1933 die 1000-Mark-Sperre ein. Deutsche Staatsbürger mussten bei der Einreise nach Österreich diese Gebühr zahlen, was zur Folge hatte, dass die deutschen Gäste ausblieben. Die Passionsspiele waren dadurch hoch verschuldet. Da hatten der Bürgermeister und der Pfarrer von Erl im Jahr 1934 die Idee, das damalige Passionsspielhaus warm abzutragen, wie man so sagt.“ Zur Tarnung fuhr der Pfarrer am entscheidenden Tag nach Innsbruck. Möglicherweise hätte er von dort aus nicht in Erl anrufen sollen, mit der unzweideutigen Frage: „Brennt’s schon?“ Nach seiner Überführung soll er sich uneinsichtig gezeigt und den schönen Satz gesprochen haben: „Der Herr geht mit mir, und manchmal geht er seltsame Wege.“

„Das Passionsspielhaus hat eine fantastische Akustik“, erklärt Kuhn, „Künstler wie der Pianist Alfred Brendel oder der Dirigent Sergiu Celibidache wussten das zu schätzen.“ Seit 2012 haben die Tiroler Festspiele Erl in dem von Delugan Meissl Associated Architects entworfenen Festspielhaus eine neue Heimat. „Ihr werdet es nicht glauben“, erzählt Kuhn, „aber hier in Erl gibt es den größten Orchestergraben der Welt.“

Ein ganzer Ort haftet

Diesen riesigen Orchestergraben bekommen wir nicht zu sehen, aber dafür das nicht minder beeindruckende Innere des Passionsspielhauses. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der erst 29-jährige Architekt Robert Schuller mit dem Neubau des Passionsspielhauses betraut worden. Dessen Kuppel, ein Meisterwerk der Zimmermannskunst, scheint den Himmel zu berühren und wird zu einem Bindeglied zwischen Erde und Firmament. Seit 1959 steht das Passionsspielhaus da, ein Wahrzeichen des Ortes. In seinen Mauern hallt die Geschichte wider, flüstern die Stimmen vergangener Aufführungen, und der Geist der Passion lebt in jedem Stein.
1959 freilich gab es ein Problem. Denn statt der zur Verfügung stehenden drei Millionen Schilling kostete das Bauwerk neun Millionen. Und was taten die Erler? Man sprach sich ab. Und schließlich schritten alle Haushaltsvorstände zur Raiffeisenbank und bürgten mit ihren eigenen Häusern (die sich selbst meist noch im Rohbau befanden!) für das Passionsspielhaus: Zusammenhalt bis zur letzten Konsequenz.
 
Wir fallen im riesigen Publikumsraum kaum auf, obwohl die Probe läuft. Und tatsächlich: Es ist saukalt. Das Passionsspielhaus hat keine Dämmung, und der Tiroler Winter setzt sich bis weit in den Frühling hinein in den Mauern fest. Früher wurde auch im Winter bloßfüßig geprobt, heute immerhin im Skianzug. Jesus sieht aus wie ein Snowboarder, und der Regisseur ruft ihm gerade zu: „Die Passion überrascht uns immer wieder. Und das Tolle ist, sie darf uns überraschen!“
 
„Wie willst du Gott darstellen?“

In einer Pause nimmt sich Regisseur Martin Leutgeb Zeit für ein Gespräch. Leutgeb sammelte viel Berufserfahrung am Theater und beim Film, er verkörperte etwa den bösen Bauern Brenner im Kino-Epos „Das finstere Tal“. Wir setzen uns auf die Bank vor dem Passionsspielhaus. Obwohl die Sonne bereits untergegangen ist und die spätwinterlichen Fallwinde von den Bergen fließen, ist es draußen immer noch wärmer als im Haus. Neben mir sitzt ein freundlicher, nachdenklicher Mann, keine Spur von Filmbösewicht. Leutgeb führt nicht nur Regie, er hat auch den Text des Passionsspiels neu geschrieben. „Ich habe von allen Evangelisten etwas genommen und versucht, so wenig wie möglich zu verändern. Aber ich musste natürlich schauen, dass wir eine Geschichte haben und das Menschliche zeigen können. Was bleibt uns anderes übrig, denn: Wie willst du einen Gott darstellen? Ich habe das große Glück, dass Jesus auch ein Mensch war. Maria Magdalena liebt ihn wie einen Menschen und seine Mutter Maria liebt ihn wie einen Sohn. Mir war es sehr wichtig, diese Frauen in die Mitte zu rücken, ihnen eine Stimme zu geben.“
 
Heuer kommen – nach langen internen Diskussionen – bei den Passionsspielen erstmals Headsets (also Kopfmikrofone) zum Einsatz: „Dadurch haben wir die Möglichkeit, auch stille und emotionale Töne zur Geltung zu bringen, und dafür bin ich sehr dankbar. Das Hörbedürfnis der Menschen ist ein anderes geworden. Brülltheater hält wahrscheinlich niemand mehr aus. Ja, und Theater entschleunigt, das ist für viele eine Herausforderung. Sich die Zeit zu nehmen, um zuzuhören, das ist heute nicht mehr selbstverständlich.“
Ob ihm angesichts der vielen Mitwirkenden nicht angst und bang werde, möchte ich wissen. Leutgeb schmunzelt. „Als ich gefragt worden bin, ob ich das mache, habe ich schnell zugesagt, und mir wurde später erzählt, dass ich der Einzige war, der nicht gesagt hat: So viele Leute, ich weiß nicht, ob ich mir das zutraue. Aber dafür braucht es einfach nur ein Konzept. In kleinen Gruppen proben und dann das Ganze zusammenführen. Das erste Mal hatten wir vor ein paar Tagen über hundert Leute auf der Bühne. Es ist natürlich schon eine Herausforderung, allen Mitwirkenden etwas in die Hand zu geben, eine Emotion, einen Grund, warum sie da sind. Es macht mir Freude, alle zu Höchstleistungen zu treiben, aber mit Freundschaft und Liebe.“
 
Hatte der Erler Pfarrer, der ebenfalls mitspielt, während der Proben theologische Einwände? Leutgeb lacht: „Ich habe einmal gesagt, du, Thomas, unterbrich mich bitte, wenn ich etwas Falsches sage. Er hat geantwortet: Da müsste ich ständig unterbrechen.“
 
Interview mit Jesus

Inzwischen hat auch Karl Anker wieder etwas Zeit für uns. Er führt uns über die riesige, teilweise steil aufragende Bühne. In einem Eck steht das Kreuz, monumental und furchteinflößend. „Das Kreuz ist seit mindestens 60 Jahren dabei“, erzählt Karl. „Es ist zwar aus weichem Fichtenholz, aber es hat dennoch 80 Kilo, und das muss Jesus alleine tragen.“
 
Von der Bühne aus sieht der Publikumsraum noch beeindruckender aus – bekommen es da nicht viele mit dem Lampenfieber zu tun? „Natürlich ist es aufregend, vor allem, wenn man eine Sprechrolle hat. Eine Souffleuse gibt es nicht, man hilft sich bei Texthängern gegenseitig. Ich habe einmal erlebt, wie der Pilatus ein Blackout von drei Minuten hatte. Alle haben verzweifelt souffliert, aber es hat nichts genützt.“ Auch das gibt es wohl nur in Erl – dass nicht nur Jesus am Kreuz hängt, sondern Pilatus im Text.
 
Spielleiter Peter Esterl kommt des Weges, Energie und Begeisterung ausstrahlend. Begleitet wird er von zwei langhaarigen jungen Männern – es sind die Jesusse! Sie heißen Christoph Esterl und Stefan Pfisterer, sind beide schon seit Kindesbeinen bei den Passionsspielen dabei und privat befreundet. Ihre Rollen gehen natürlich weit in die Freizeit hinein: „Wenn ich ins Gasthaus komme, und da sitzen schon ein paar Apostel, werde ich natürlich mit Hallo Meister begrüßt. Aber es ist ein sehr freundschaftliches Miteinander.“
 
Peter Esterl erzählt: „Ich spiele heuer den Hohepriester Kaiphas, und Jesus ist mein jüngerer Bruder Christoph. Das ist sehr spannend. Ich schaue, dass er ans Kreuz kommt, aber am Ende gewinnt er trotzdem. Es ist nicht zu verhindern, dass man die Rollen in die Familie mitnimmt, aber zum Glück in humorvoller Weise. Es gibt eben in diesem Jahr nur ein Gesprächsthema in Erl, und das ist die Passion – ganz egal, ob du unten auf dem Fußballplatz bist oder bei der Musikprobe oder bei der Familienfeier.“
Es gäbe auch sonst noch viel zu berichten, zum Beispiel über die Naturschönheiten von Erl. Aber wir müssen wieder los. Auf dem Heimweg ertappe ich mich dabei, wie ich mir über das glattrasierte Kinn streiche. Die Bärte von Erl hingegen, sie werden weiterwachsen, alle sechs Jahre, solange es Erl gibt. Hier haben sich die Menschen etwas bewahrt, was anderswo längst verloren gegangen ist. Einen Sinn für Gemeinschaft, für Zusammenhalt, für gemeinsames Tun. Eine Verbindung zu etwas Ganzem, das größer ist als das Einzelne.

 

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