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„Alles stand wieder in mir auf und alles wurde lebendig …“

Das Forschungsinstitut Brenner Archiv an der Universität Innsbruck umfasst rund 300 Nachlässe, Teilnachlässe und Sammlungen von Kulturschaffenden und kulturellen Organisationen. Dort aufbewahrte Briefwechsel zwischen bedeutenden Persönlichkeiten erscheinen in einer mehrjährigen Artikelserie in Quart. Diesmal: Martina Wieds Briefe an Ludwig von Ficker. Ausgewählt und kommentiert von Markus Ender

Der erste briefliche Kontakt von Martina Wied zu Ludwig von Ficker, dem Herausgeber der Innsbrucker Kunst- und Kulturzeitschrift „Der Brenner“, gestaltet sich auf eine Weise, wie sie banaler nicht sein kann: Die Autorin fragt am 8. März 1913 beim „Redacteur“ nach, ob die Bereitschaft zum Abdruck einiger Gedichte bestünde. Anders als bei den meisten solcher Schreiben reagiert Ficker aber nicht mit einer Ablehnung der Texte, sondern das Gegenteil ist der Fall: Nur eine Woche später druckt er „Düstere Gebirgslandschaft“ und „Der Tod des Li-tai-po“ in der „Brenner“-Nummer vom 15. März 1913 ab. Welche bzw. wie viele Gedichte dem Schreiben konkret beigelegt waren, lässt sich heute nicht mehr ermitteln, da die Manuskriptblätter unvollständig überliefert sind und das Antwortschreiben Fickers verloren gegangen ist. Auf jeden Fall müssen die beiden genannten Texte enthalten gewesen sein.
In der Frage, weshalb Wied so schnell in den Kreis der „Brenner“-Autorinnen und Autoren aufgenommen wurde, erscheint die – bei oberflächlicher Betrachtung unauffällige – Wendung von der „aufrechten und ehrlichen Zeitschrift“ im ersten Satz von Bedeutung. Wied dürfte damit bei Ficker großen Eindruck erweckt haben, stellt die Phrase doch eine Referenz zu Karl Kraus dar. Kraus hat am 5. Februar 1913 in der „Fackel“ über Fickers Halbmonatsschrift geurteilt: „Daß die einzige ehrliche Revue Österreichs in Innsbruck erscheint, sollte man, wenn schon nicht in Österreich, so doch in Deutschland wissen, dessen einzige ehrliche Revue gleichfalls in Innsbruck erscheint.“ Wieds Kenntnis dieser Würdigung beeindruckt Ficker, der Kraus mit seiner „Fackel“ als großes Vorbild für den „Brenner“ ansieht, und veranlasst ihn zur unmittelbaren Publikation ihrer beiden Gedichte. Später wird sie zwei weitere Gedichte und zwei Essays im „Brenner“ veröffentlichen, doch die reine Veröffentlichungspraxis beschreibt die Situation nur unzureichend, denn mit Ludwig von Ficker verbindet Martina Wied bis zu ihrem Tod eine Beziehung, die über jene von Autorin und Verleger hinausgeht. Zeugnis darüber legen autobiographisch gefärbte Passagen in ihren Romanen ab, aber auch die Widmungen in ihren Büchern, die sie ihm zueignet. Diese Hinweise sind freilich chiffriert, da Wied es zeitlebens vermieden hat, in ihrem Werk allzu deutliche Referenzen auf ihre persönlichen Lebensumstände preiszugeben. Die Briefe sprechen hingegen eine wenngleich nicht explizite, so aber doch deutlichere Sprache.

Martina Weisl (1882–1957) wird als Alexandrine Martina Schnabl in Wien in ein bürgerliches Umfeld geboren. Die Eltern – der Vater Advokat, die Mutter Schriftstellerin – sind assimilierte Juden, Geldsorgen sind der Familie fremd. Schon in ihrer Schulzeit verfasst Alexandrine Gedichte und veröffentlicht diese unter dem Pseudonym „Martina Wied“, das sie zeitlebens beibehalten sollte, im „Simplicissimus“ oder in „Die Jugend“.
Die Korrespondenz der ersten beiden Jahre ihrer Partizipation am „Brenner“, jenem Medium, das für ihre spätere Karriere als Literatin bedeutsam werden wird, ist vorrangig von Vorschlägen für Publikationen und Rezensionen geprägt. Der Erste Weltkrieg unterbricht im Juli 1914 den Kontakt für fast fünf Jahre, erst im Februar 1919 schreibt Wied wieder an Ficker. Bei den Nachkriegsbriefen wird schnell eine Veränderung augenfällig; Wied betreibt, anders als in der ersten Kontaktnahme, zunehmend umfangreichere Korrespondenz und geht auch inhaltlich stärker in die Tiefe. Zudem lässt sich aus diesen Briefen ihre Vernetzung in einem kulturellen Feld herauslesen, das nicht auf Wien beschränkt bleibt, deren Grundstein durch ihre Mitarbeit am „Brenner“ gelegt wurde. So bezieht sie sich schon im ersten Nachkriegsbrief beispielsweise auf ihre Freundschaft mit Otto Stössl, der ihr „– dank dem seinerzeit im ,Brenner‘ erschienenen Aufsatz – ein lieber Freund geworden ist“, bekundet ihre Kraus-Verehrung und erwähnt im Besonderen Georg Trakl, den wichtigsten Lyriker, der im „Brenner“ publiziert hat.
Im Brief vom 8. Jänner 1920 (von Wied irrtümlich auf 1919 datiert) erfolgt eine erneute Beteuerung, welchen Stellenwert der „Brenner“ als „Führer und Gewissen“ für sie einnehme. Der im Brief erwähnte Gedichtband „Bewegung“ (Leipzig 1919) ist die erste selbständige Publikation der mittlerweile 37-jährigen Autorin, und das gewidmete Exemplar trifft tatsächlich bei Ficker ein. Dieser verständigt Wied brieflich über den Empfang des Buches, lässt sich allerdings über einen Monat Zeit dafür. In seinem Antwortbrief gibt er ein Werturteil über Wieds Lyrik ab, das über den unmittelbaren Zusammenhang hinaus einen kleinen Blick darauf freigibt, wie es um sein Kunstverständnis und das literarische Netzwerk des „Brenner“ bestellt ist. Ficker bemerkt: „Fast scheint mir, daß Frauen heute, soweit sie Talent haben, im allgemeinen besonnener dichten als Männer, d. h. wenn man das Männer nennen kann, was heute in hysterischen Zuckungen expressionistische Lyrik à la – wie heißt er doch gleich, der Vertreter am Wiener Platz? – ja, richtig: à la Georg Kulka absetzt. “ Die Abwendung von der Literatur der Moderne, deren negative Seiten Ficker pars pro toto in den „hysterischen Zuckungen“ von Georg Kulkas Lyrik zu erblicken glaubt, ist nicht ohne Grund mit ungewöhnlich deutlicher Bestimmtheit formuliert. In der Ablehnung Kulkas folgt Ficker dem Beispiel Karl Kraus’; der Gedanke, der hinter der hier offen zutage tretenden Abwehrhaltung steht, ist jedoch ein anderer, wie aus den weiteren Ausführungen des Briefes ersichtlich wird. Ficker führt die Analyse von Wieds Gedichtband fort, wenn er feststellt, dass „auch Sie Ihr Erlebnis mitunter zu früh, zu leicht, zu unerschöpft in Verse entbinden“, und über die Lyrik bemerkt, dass sie „Nachklang, Nachgestaltung, nicht im Gedicht selbst auf die Spitze der Leidenschaft getriebene Gestaltung des Erlebnisses“ sei. Diese Einschätzung, die sich, obwohl nicht explizit ausgesprochen, klar an Georg Trakl als literarischem role model orientiert, führt dazu, dass Ficker keine Texte Wieds mehr im „Brenner“ abdruckt. Der Umstand hindert Wied jedoch nicht daran, weiter in Kontakt zu bleiben.
Im Brief vom 6. August 1920 erfolgt ein neuerlicher Bezug zu Trakl, doch diesmal durch Wied selbst; „mit tiefem Entsetzen“ habe sie in ihrem Gedicht „Reminiscere“ deutliche Ähnlichkeiten mit Trakls „Psalm“ ausgemacht, sie wendet sich mit der Bitte um Rat an Ficker. Dieser beschwichtigt im Folgebrief, nicht ohne ihr (als Frau) einen Rat (aus betont männlicher Perspektive) mitzugeben: Die Erkenntnis, Trakls Stil übernommen zu haben, sei eine Lehre, und ihre „Reaktion [darauf] braucht nur tiefer in Ihnen Wurzel zu schlagen, um mehr wert zu sein als alles, was sie an Produktion in schöner Bewußtlosigkeit (die ja im Weib doch meist nur eine leichte, eine flüchtige Bewußtlosigkeit ist, die an der Oberfläche haftet!) momentan verhindern könnte.“
Am deutlichsten lassen sich die Bezugnahmen Wieds, die 1918 zum katholischen Glauben konvertiert ist, auf jene programmatischen philosophischen Konzepte, die in der Mitte der 1920er Jahre im „Brenner“ verhandelt wurden, in dem 1925/26 entstandenen Roman „Das Asyl zum obdachlosen Geist“ ausmachen. Der Text erscheint 1934 als Fortsetzungsroman in der Wiener Zeitung, wird aber erst 1950 unter dem Titel „Kellingrath“ in Buchform veröffentlicht. Im Speziellen schlägt sich die Debatte um Kierkegaard, die von dem Schriftsteller und Philosophen Theodor Haecker im „Brenner“ vorangetrieben und von Ficker gestützt wird, sowohl in der thematischen Gestaltung als auch in der Figurenzeichnung nieder; der gesamte Roman ist um jene drei Existenzformen konstruiert, die Kierkegaard als grundlegend ansieht: die ethische, die ästhetische (wobei Ethik und Ästhetik in der Vorstellung Fickers ineinandergreifen sollen) und die religiöse.
Der Roman trägt aber noch einen weiteren, sehr persönlichen Aspekt in sich: Spätestens im August 1925 wechseln die Anreden in den Briefen zu einem vertrauten „Lieber Freund“ bzw. „Liebe Freundin“, womit sich ein Liebeskonflikt anbahnt, der in „Das Asyl zum obdachlosen Geist“ seine verschlüsselt dargestellte Spiegelung findet. Der verheiratete Brenner-Herausgeber entscheidet sich letztlich aber gegen eine Liaison mit der Autorin. Ob der Grund dafür, wie von Evelyne Polt-Heinzl konstatiert, in Fickers Entscheidung gelegen hat, die Sicherheit einer „intellektuell unbefriedigenden Ehe“ der Beziehung zu Wied vorzuziehen, mag dahingestellt sein; Ende 1926 kommt es jedenfalls zum offenen Bruch. In der brieflichen Korrespondenz klafft nun eine größere Lücke, die, lediglich durch kleinere Postkartensendungen unterbrochen, bis Ende 1930 reicht. Der Grund dafür liegt nicht nur im persönlichen Zerwürfnis zwischen dem „Brenner“-Herausgeber und seiner Autorin, es kommt auch zu einer räumlichen Trennung. Wied folgt ihrem Mann nach Lodz, der dort eine Stelle in einem Textilunternehmen annimmt. Nach dessen Krankheit und Tod im Oktober 1930 ist sie mit ihrem Sohn auf sich allein gestellt und muss für beider Durchkommen sorgen. Über die Schwierigkeiten dieser Zeit geben die Zeilen nach der Wiederaufnahme des Briefkontaktes, geschrieben wahrscheinlich im November 1930, nur bedingt Auskunft; Wied beschränkt sich hier auf vage Andeutungen, im Folgebrief wird sie konkreter und erläutert im Detail ihre Schwierigkeiten. Tatsächlich hat sie zu dieser Zeit einen inneren Konflikt auszufechten, denn durch den Tod ihres Mannes verliert sie die ökonomische Basis ihrer Existenz und ist nunmehr zwischen zwei Polen zerrissen: Der Wunsch, ihrer inneren Berufung als Künstlerin nachzukommen, wird durch die Notwendigkeit durchkreuzt, aus finanziellen Gründen einem Brotberuf nachgehen zu müssen.

Der „Anschluss“ im März 1938 stellt auch für Martina Wied ein einschneidendes Ereignis dar. Zwar hat sie die Zeichen der Zeit schon in den frühen 1930er Jahren mit Blick auf Deutschland zu lesen gelernt und erhält ein britisches Einreisevisum, bleibt zunächst aber in Österreich. Die Zeit ist bestimmt vom Dilemma, ob sie der nationalsozialistischen Ideologie besser aus der Ferne des Exils entgegenwirken kann oder sich in Österreich in Opposition bringen sollte. Anfang 1939 ist Wied aufgrund der sich zuspitzenden politischen Entwicklungen und der zunehmenden Repressionen gegenüber Juden schließlich gezwungen, Österreich endgültig zu verlassen. Völlig mittellos flüchtet sie allein – Sohn Hanno hatte im Jahr zuvor ein Ausreisevisum nach Brasilien erhalten – nach England. Sie richtet in dieser Zeit noch zwei Briefe an Ludwig von Ficker; den ersten vom 9. Jänner, in dem sie um ein letztes Treffen bittet, bevor sie Österreich verlässt und ihrem Kind „zu den Antipoden folgen“ wird, beschließt sie mit einem Augustinus-Zitat „Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in Te“ („Ruhelos ist unser Herz, bis es in Dir ruht“; Augustinus, Confessiones I, 1). Ficker reagiert distanziert-abweisend auf diesen Wunsch; sein Schweigen sei auf die „Erkenntnis der eigenen Ohnmacht einem unheimlich wachsenden tragischen Verhängnis gegenüber zurückzuführen, dem die Welt als Ganzes wehrlos ausgeliefert zu sehen doch fast mehr noch ans Herz greift als die Preisgegebenheit jedes persönlichen Schicksals, das eigene mitinbegriffen.“ Schließlich apostrophiert er sogar, „daß mir nur Samstag nachmittag und Sonntag genügend freie Zeit für eine ruhige Aussprache zur Verfügung steht; an Werktagen nur die Mittagsstunde von ½ 1 bis ½ 2 Uhr“ – eine Absage, die die von Verfolgung und Terror bedrohte Autorin nicht verwinden kann. Ihre Reaktion im Brief vom 26. Februar 1939 fällt entsprechend aus; dem Abstraktum des „Verlusts“, das die Essenz des Exils ausmacht, wird hier durch die Eindringlichkeit der Formulierungen, in denen Wied ein zukünftiges Leben imaginiert, „welches, noch stärker als mein bisheriges, ein Leben der Armut und des Verzichts sein wird“, konkrete Gestalt gegeben. Außergewöhnlich sind auch die Folgerungen, die Wied aus Fickers Absage zieht, indem sie ankündigt, fortan sich selber in den Hintergrund stellen zu wollen und stattdessen „dem Mitmenschen beizustehen, den Gedemütigten durch ein warmes teilnehmendes Wort das Herz zu erfrischen“. Sie wird dieses Prinzip im britischen Exil in ihrem Brotberuf als Mittelschullehrerin praktizieren, vor allem wird sie es aber in ihre Texte einschreiben, die sie mangels Publikationsmöglichkeiten für die Schublade verfasst. Verzicht und Entsagung sind darin immer wiederkehrende Themen.

Als eine der wenigen Autorinnen und Autoren im Exil kehrt Martina Wied, physisch und psychisch schwer angeschlagen, im September 1947 aus England nach Wien zurück. Bereits im August 1946 versucht Ludwig von Ficker den brieflichen Kontakt wieder aufzunehmen, nachdem er vom Wiener Bibliothekar Franz Glück erfahren hat, dass Wied am Leben sei. Wied antwortet und teilt mit, dass sie bereits vor Monaten geschrieben habe („es war der erste Brief den ich nach Oesterreich gerichtet habe“), der Brief aber offenbar verloren gegangen sei.
Ihr Schreiben vom 20. August 1948 enthält eine zentrale Passage, in der sich Wied an die mehr als 20 Jahre zurückliegende Affäre erinnert. Die Schilderung ihrer Gefühle beim Lesen der erhalten gebliebenen Briefe Fickers ist, auch um dessen schlechtes Gewissen ihr gegenüber zu beruhigen, mit großer Contenance formuliert: „Alles stand wieder in mir auf und alles wurde lebendig, ich hielt mein Leben in einer Handvoll beschriebenen Papiers – oder, genauer: Das Beste meines Lebens.“ Gleichzeitig ist damit eine Selbstoffenbarung verbunden, bei der sich Wied einmal mehr zurücknimmt, ihre Entwicklung als Künstlerin auf den Einfluss Fickers zurückführt, sich als dessen „Schuldnerin“ und „Geschöpf“ stilisiert und schließlich die Einmaligkeit dieser intimen Aussage unterstreicht, denn „so etwas sagt man nur einmal und kommt auch nie wieder darauf zurueck. Aber gesagt musste es sein.“
Auch nach Wieds Rückkehr nach Wien manifestieren sich die Symptome, die Hilde Spiel – ebenfalls eine Rückkehrerin – im Zusammenhang mit der „Krankheit“ Exil beschrieben hat: Sie ist laut Spiel „eine Gemütskrankheit, eine Geisteskrankheit, ja zuweilen eine körperliche Krankheit.“ Entsprechend schwierig gestaltet es sich für Wied, derart belastet in der Nachkriegsgesellschaft Fuß zu fassen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich für ihre Romane kaum Verlage finden, obwohl sie als Autorin geachtet wird und 1952 als erste Frau den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur erhält – ihre einem konservativen Humanismus verpflichtete Prosa erscheint einem breiteren Publikum wie aus der Zeit gefallen. In einem Brief von Franz Glück an Ludwig von Ficker vom Anfang 1948 finden sich Anklänge dieser Probleme: „Martina Wied, die es leider versteht, sich bei allen Menschen unbeliebt zu machen, der es aber nicht allzu gut geht, so dass man sie einigermassen bedauern kann, sehnt sich sehr danach, den letzten Band des ‚Brenner‘ zu besitzen, kann ihn aber nirgends auftreiben.“
Angesichts ihres tragischen Schicksals nimmt es nicht wunder, dass Wied 1953 in einem ihrer raren autobiographischen Selbstkommentare in „Welt und Wort“ ihre bisherige Existenz mit der lapidaren Phrase „Ein hartes Leben!“ umreißt. Auf dieses Jahr datiert auch der letzte Brief Wieds an Ficker, in dem sie sich erneut mit der Bitte um Hilfe an den „Brenner“-Herausgeber wendet, aber – ähnlich zu den Situationen von 1926 und 1939 – abermals keine Unterstützung, sondern nur eine schmale Absage erhält. Die Korrespondenz nach Tirol – insgesamt sind 98 Karten und Briefe von Wied an Ficker überliefert – vermag aufgrund der Dichte der Informationen weitere Puzzlesteine zur Durchdringung dieser vielschichtigen Persönlichkeit zu liefern; insbesondere macht sie aber evident, dass der Kontakt zu Ludwig von Ficker mit all den damit verbundenen Höhen und Tiefen in diesem harten Leben mehr als Episode gewesen sein muss.


1913-03-08
Martina Wied an Ludwig von Ficker

Geehrter Herr Redacteur,
Von warmem Interesse für Ihre aufrechte und ehrliche Zeitschrift und deren Bestrebungen erfüllt, hege ich den regen Wunsch nicht nur in receptiver sondern auch in productiver Weise an ihr teilnehmen zu dürfen. So übersende ich Ihnen heute einige Gedichte und würde mich besonders freuen wenn Sie das eine oder andere im „Brenner“ zum Abdruck brächten.
Hochachtungsvoll ergebenst
Martina Wied
Wien d. 8 März 1913


1919-02-19
Martina Wied an Ludwig von Ficker

Wien IX Elisabeth-Promenade 45
d. 19. Februar 1919

Lieber Herr von Ficker,
In den vergangenen bösen Jahren hab’ ich so oft an Sie gedacht und hätte gerne gewußt, wie es Ihnen ergangen war, mußte ich doch fürchten, daß Sie, wie alle anständigen Menschen, Ihr Teil des allgemeinen Ungemachs zu tragen hatten. Aber ich war so heimgesucht von allem Übeln, daß ich mich, im wörtlichen und im übertragenen Sinn, in meinen Winkel verkroch, der allzuoft nicht einmal mein Winkel war.
Ich habe – trotz allen äußeren Hemmungen und allem seelischen Kummer während der Kriegszeit viel gearbeitet, aber, mit Ausnahme eines kleinen Essays, um das mich der „Marsyas“ ersucht hat, nichts veröffentlicht: Alles schien mir so belanglos, im Vergleich zum blutigen Geschehen. Jedes bedruckte Blatt war mir eine Ohrfeige. Die „Fackel“ war mir der einzige Trost, das Bewußtsein, daß Karl Kraus lebte, machte zu Zeiten das Leben mir allein erträglich. In Iglau – ich habe zwei Winter dort verbracht, den ersten, als mein Mann in der Offiziersschule war, den zweiten, als er schwer krank im Spital lag – hab’ ich mit Neid und Sehnsucht die Ankündigungen seiner Vorlesungen gelesen. Ich war bei keiner einzigen, denn als ich schließlich nach Wien kam, war ich selbst zu krank, um das Haus verlassen zu können. Über Kraus und über den „Brenner“ spreche ich oft mit Otto Stoessl der mir – dank dem seinerzeit im „Brenner“ erschienenen Aufsatz – ein lieber Freund geworden ist. Sehr viel mußte ich auch an Sie denken, lieber Herr von Ficker, als ich die Nachricht vom Tode Georg Trakls las. Wie muß dieses furchtbare Ende – das ich freilich in seinen Dichtungen immer gespürt und vorausgefühlt hatte – Sie geschmerzt haben! Seine letzten Gedichte sind das Wahrste, Kühnste, Ergreifendste, Menschlichste, das über den Krieg gesagt wurde. Ich war im letzten Sommer drei Monate in der Umgebung von Salzburg, und habe im Mirabellgarten und am Mönchsberg „unter schwüler Buchen Schweigen“ immer an ihn denken müssen! – Wollen Sie mich durch einige Zeilen wissen lassen, wie es Ihnen ergangen ist und wie Sie leben? Und wenn Sie nach Wien kommen sollten, verständigen Sie mich doch davon! Ich würde mich herzlich freuen, Sie wiederzusehn!
Mit den besten Grüßen
Martina Wied


1920-01-08
Martina Wied an Ludwig von Ficker

Wien, d. 8. Jänner 1919

Lieber Herr von Ficker,
Sie wollen mir nach Ihrer Münchener Reise näheres über León Bloch mitteilen; – ich habe inzwischen „le salut par les Juifs“ durch Braumüller aus Paris bestellt, aber noch nicht bekommen. Ist seit dem ersten kein Brennerheft erschienen? Ich wenigstens habe keines erhalten.
Der Verlag Strache hat im November ein Widmungs-Exemplar meines Gedichtbuches an Sie abgehen lassen, haben Sie es auch bekommen? Und darf ich Ihnen bei dieser Gelegenheit (ich konnte Ihnen zur Zeit als das Buch herauskam, nicht schreiben, weil ich gerade die Grippe hatte) sagen, in wie tiefem Sinne ich diese Zueignung begreife? Der „Brenner“ war mir immer Führer und Gewissen, trieb mich an, nichts Halbes, nichts Beiläufiges, nichts – im transcendenten Sinne – Unerlebtes bestehen zu lassen: möchten Sie also meine Widmung gütig entgegennehmen, und in ihr alle schweigende Verehrung fühlen, die ich Ihrem Wesen und Ihrem Werk entgegenbringe.
Ich muß wohl nicht besonders hervorheben, daß ich jedes im Buch enthaltene Gedicht, das Sie dessen für würdig halten, zum Abdruck im „Brenner“ Ihnen zur Verfügung stelle.
Wie leben Sie, wie geht es Ihnen? Über das Wiener Elend brauche ich Ihnen wohl nichts zu sagen, es wird durch die Frechheit der Schieber, (deren schlimmster Typus durch die Mitglieder der verschiedenen „Missionen“ verkörpert wird) den aufreizenden Luxus der wuchernden Kaufleute und Börseaner, die Bestechlichkeit bisher integrer Beamter und die Roheit der Arbeiter (die in ihrer Weise auch Kriegsgewinner sind) in maßloser Weise verbittert.
Ich möchte mit meinem Buben, der jetzt die obligate winterliche Fieberperiode durchgemacht hat, sehr gerne fort, fürchte mich aber, der Erfahrungen des heurigen Sommers eingedenk, vor jeglicher Reise. Glauben Sie, daß wir in oder bei Innsbruck Unterkunft und Verpflegung (für ca. 100 K. per Tag und Person) finden könnten? Im Sommer käme ich jedenfalls sehr gerne nach Igls oder Lans, ich sehne mich nach Tiroler Luft!
Gedenken Sie freundlich Ihrer Sie herzlich grüßenden
Martina Wied


1920-08-06
Martina Wied an Ludwig von Ficker

Aussee, d. 6 August 1920
„Im Wald“ Villa Styria

Lieber Herr von Ficker,
Sie haben mir auf meinen letzten Brief nicht geantwortet, ich weiß nicht, ob er am Ende nicht in Ihre Hände gelangt ist – er enthielt eine Anfrage, ob Sie es für möglich hielten, daß ich den Sommer in Lans zubringen könnte – oder ob es Ihnen nur an Zeit und Lust gefehlt hat, ihn zu beantworten. Ich habe Ihnen gleich in den ersten Tagen meines Hierseins geschrieben, da mich das Losgelöstsein von Stadt und Menschen und die – nur allzuoft düstere – Gebirgslandschaft die mich umgibt, so sehr an Sie und den „Brenner“ gemahnt hat, – habe den Brief aber nicht fortgeschickt, weil mir’s schien, als wäre es zudringlich, Ihnen zu schreiben, wenn Sie Ihr Nichtbeantworten meines letzten Briefes vielleicht als eine Art Ablehnung gedeutet wissen wollten. Ich sage das ohne jede Empfindlichkeit, denn ich schätze Sie viel zu hoch, und fühle mich Ihnen innerlich viel zu sehr zu Dank verpflichtet, um nicht auch ein solches „Fortgestelltwerden“ (wenn auch in tiefem Bedauern) zu respectieren.
Nun hat sich aber heute etwas ereignet, was mir sehr nahe geht, und ich weiß mir darin keinen anderen Rat, als mich an Sie zu wenden. Ich bekam nämlich heute eine bei Strache erschienene Anthologie in die Hand, die von Rheinhardt herausgegebene „Botschaft“, die auch Gedichte von mir enthält, die Rheinhardt aus einer größeren Zahl von Gedichten, vor mehr als 1½ Jahren, also lange vor Erscheinen, ja vor der Zusammenstellung meines Buches, ausgewählt hat. Darunter das auch in „Bewegung“ enthaltene Gedicht „Reminiscere“. Nun finde ich in der „Botschaft“ Trakl’s „Psalm“ und muß zu meinem tiefen Entsetzen eine – für mich – wahrhaft furchtbare Ähnlichkeit feststellen. Ich begreife es gar nicht, daß mich niemand – auch Sie nicht, Herr von Ficker, darauf aufmerksam gemacht hat, ich hätte das Gedicht niemals veröffentlicht, wenn ich davon eine Ahnung gehabt hätte. Mit „Reminiscere“ verhält es sich so: Ich habe den Grundgedanken und die 4 ersten Strophen nach der allerersten Aufführung der V Symphonie unter Mahlers Leitung, nach Hause gebracht (1908) und habe im Winter 1918 abermals einer Aufführung dieser Symphonie beigewohnt, während welcher mir Wortlaut, Bilder und Rythmus des Gedichtes so lebendig wurden, daß ich am nächsten Morgen das ganze Gedicht niederschrieb, ohne auch nur ein Wort mehr zu ändern. Ich habe, wie Sie wissen, 2 Jahre lang in Mahlers Heimat, Iglau, gelebt, und der Eindruck des Ohres mag durch den des Auges ergänzt worden sein.

Nun scheint es mir aber, daß ich unbewußt, einzelne Worte und Rythmen des Trakl’schen Gedichtes, das überhaupt gelesen zu haben mir gänzlich entfallen war, in mir aufgenommen, und im schönen Wahne zu produzieren im höheren Sinne nur reproduziert habe. Sie können sich gar nicht vorstellen, lieber Herr von Ficker, wie entsetzlich mir dieser Gedanke ist – und zwar ganz abgesehn davon, ob jemand diese Ähnlichkeit bemerkt oder nicht, aber sie belastet mein künstlerisches und menschliches Gewissen im höchsten Maße. Ich begreife es ganz und gar nicht, das Rheinhardt diese Analogie nicht bemerkt hat, und aus etwa 30 Gedichten gerade dieses ausgewählt hat, und zwar sogar gegen meinen Wunsch, da ich lieber eine größere Anzahl von Gedichten, als dieses lange es dann zuließ, in der Anthologie gehabt hätte. Da Rheinhardt den „Psalm“ doch auch vor sich hatte und die Correcturen selber las, ist es mir unverständlich, daß ihm die Ähnlichkeit nicht aufgefallen ist, und daß auch im Verlag niemand sie bemerkt hat.
Sagen Sie mir nun, lieber Herr von Ficker, was soll ich tun? Ich glaube, Sie kennen mich genug, um zu wissen, daß es meinem Wesen nicht entspricht, mich mit fremden Federn zu schmücken, und da Trakl todt ist, lege ich das Ganze in Ihre, seines Freundes, Hand. Wäre „Reminiscere“ in einer Zeitschrift erschienen, so würde ich darin eine kurze Erklärung veröffentlichen, so aber läßt sich das nicht machen, um so mehr, als das Gedicht ja bereits vor einem Jahr in meinem Buch herausgekommen ist.
Bitte, seien Sie mir nicht böse, daß ich Sie mit dieser Angelegenheit belästige, aber Sie werden begreifen, wie sehr mich diese Entdeckung, die ich vor ungefähr 1 Stunde erst gemacht habe, aufregt! und werden auch begreifen, daß es mich zwingt, mich gerade an Sie zu wenden.

Ich weiß, wie vielen Musikern solche „Reminiscenzen“ (der Titel meines Gedichtes wird mir nun odios) passiert sind, denken Sie nur an Wagner und Nicolai – und die haben sich gewiß gegen den Vorwurf des Plagiates heftig gewehrt. Ich würde mich nicht wehren, sondern das, was nach meinem eigenen Bewußtsein nicht völlig mir gehört, wäre ich auch im besten Glauben und mit aller Inbrunst eigenen Schöpferglücks dazu gelangt, – ich würde ein solches Nachempfundenes auf alle Fälle vernichten. Aber die „Botschaft“ kann ich nicht vernichten. Also sagen Sie mir, was ich machen soll!
Bitte, bitte, antworten Sie mir diesmal recht bald, lieber Herr von Ficker!
Die allerherzlichsten Grüße von
Ihrer
Martina Wied


1939-01-09
Martina Wied an Ludwig von Ficker

Wien IX Alserstraße 18, d. 9. I. 1939

Verehrter Herr von Ficker,
daß ich von Ihnen auf meinen letzten Brief (im Juni durch Hannos Freund überbracht) keine Antwort mehr und überhaupt kein Lebenszeichen erhielt, hat mich recht sehr geschmerzt, in zweifacher Hinsicht. Es hat mir Sorge um Sie eingegeben, dann aber, als ich durch einen gemeinsamen Freund erfuhr, es gehe Ihnen „ganz leidlich“ nahm ich an, Sie hätten sich nun von mir abgekehrt… Ich habe das ja in vielfacher Variation in letzter Zeit erlebt, aber von niemandem hätte ich’s weniger erwartet und bei niemandem hat es mir so weh getan, wie bei Ihnen.
Ich hätte Ihnen trotzdem – was ich bei keinem täte und getan habe, brächte ich bei Ihnen immerhin fertig – auch meinerseits kein Lebenszeichen gegeben habe, so hing das nicht mit einer echten oder falschen Empfindlichkeit zusammen, sondern damit, daß ich in allen diesen Monaten kaum gelebt habe. Vom 25 Juli bis Anfangs Dezember war ich schwer krank und bettlägerig, dazu hatte ich mein [!] Schwiegermutter (mit einer senilen Demenz und schizophrenen Zuständen behaftet) im Hause, meine Mutter – und mußte wirtschaftlich für alles aufkommen. Von anderen Erlebnissen und Erfahrungen, die gleichsam durch geschlossene Türen auf mich eindrangen ganz zu schweigen.
Immerhin sind wir in Gottes Schutz gestanden und ich habe meine lange Krankheit als eine Art von stellvertretendem Leiden aufgefaßt, das uns vor schlimmerem bewahrt.
Inzwischen ist diese Leidenszeit im Physischen zu Ende gegangen und unser Zusammenleben in meinem Heim gleichfalls. Ich bin jetzt allein – wohne in einer Pension und werde die Stadt bald verlassen. So ist dieser Brief ein Abschiedsbrief – und einer der geschrieben wird im Zweifel, ob Sie die, die ihn schreibt, denn überhaupt noch weiter kennen wollen? Ob dieser Abschied sich denn nicht längst stillschweigend vollzogen hat und ob ich diese Freundschaft die mir immer so viel bedeutet hat, die meinem Leben eine andere Richtung gab und mich zu der gemacht hat die ich heute bin – ob ich diese Freundschaft nicht längst hätte einsargen müssen, wie so vieles – und so viel was ich schwer entbehre? Möge es doch nicht so sein und möchten Sie mir weiterhin ein freundliches Andenken bewahren!
Als ich jetzt meine Bücher und Briefe verpackte, wurde mir alles wieder lebendig, Ihr erster Besuch in meinem Hause, meine Mitarbeit am [stilisierte Darstellung des Brenner-Verlag-Logos] meine Besuche in Innsbruck, alles, alles! Wie sehr habe ich mir gewünscht, Sie in diesem Leben noch einmal wieder zu sehen! Wie gerne würde ich auch einen Umweg in Kauf nehmen, um noch einmal ein Zusammentreffen mit Ihnen herbeizuführen!! Aber ich werde davon Abstand nehmen, da ich ja nicht annehmen darf, es läge Ihnen noch etwas daran, und befürchten muß, ein solcher Besuch, ja auch nur eine Bahnhofsbegegnung käme Ihnen ungelegen. Sie waren ja auch im Laufe der letzten Jahre etliche Male in Wien, ohne mich davon zu verständigen, also muß ich die schmerzliche Consequenz daraus ziehen.
Aber trotz alledem ist es mir nicht möglich, fortzugehen ohne Ihnen Lebewohl zu sagen. Ich weiß noch nicht genau, wann es sein wird und muß annehmen daß mein nächster Aufenthalt (ich folge der Einladung einer großherzigen Freundin) nur vorübergehend sein wird und daß ich nach einigen Monaten meinem Kind zu den Antipoden folgen werde. Es ist eine phantastische Welt, in die unsere Generation hineingeboren wurde: Als ich jung war und inmitten meiner bürgerlichen Behaglichkeit nach Bewegung und Abenteuer hungerte, blieb ich im stillen Winkel eingeschlossen, nun, da ich mir nichts ersehnte als ein ruhiges Leben mit meinem Buben und Frieden zur Arbeit, werde ich ins Abenteuerliche hinausgestoßen – einzig um zu erfahren, was ich doch schon begriffen habe: „Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in Te!“
In Verehrung Ihre
MW


1939-02-26
Martina Wied an Ludwig von Ficker

IX Alserstraße 18, d. 26. II. 39

Verehrter Herr von Ficker,
Meine Anfrage bei Ihnen war, wie sich jetzt aus zwingenden Notwendigkeiten ergibt, zwecklos und vergeblich: da ich meine Fahrkarte nicht selbst löse sondern bekomme, muß ich sie nach den Erfordernissen der Aussteller entgegennehmen und kann die durch einen so großen Umweg verursachte Mehrleistung nicht beanspruchen. Auch sonst wäre es mir ja nicht leicht gefallen, eine ohnehin so ausgibige Fahrt noch zu verlängern, aber ich hätte es trotzdem auf mich genommen, um Sie noch einmal wiederzusehen, wäre es auch nur, wie sich nach Ihren Andeutungen herausstellt, für eine kurzfristige Bahnhofsbegegnung, eine andere Form des Zusammenseins wäre ja unter den „obwaltenden“ Verhältnissen kaum möglich. So muß ich nun auch darauf verzichten: aber da meine Beziehung zu Ihnen ja fast durchwegs eine fernhinwirkende war, mit nur wenigen Begegnungen und in großen Pausen, darf ich Sie wohl – trotz allem – auch weiterhin als inneren Besitz in ein neues Leben hinübernehmen, welches, noch stärker als mein bisheriges, ein Leben der Armut und des Verzichts sein wird. Sie haben mir einmal geschrieben, daß Gott niemandem mehr auflädt, als er zu tragen vermag: das glaube ich nun an mir zu erfahren, denn nun, da ich alles verloren habe: Gatten, Sohn, die gesicherte Existenz, das Heim und die Heimat, das bürgerliche Ansehen das ich von meinen Vorfahren ererbt und übernommen – das geistige und menschliche Ansehen, welches ich mir selbst erworben habe, die Hoffnung, einmal im Schrifttum meiner Nation einen dauernden Platz zu finden, ja, diese Nation und die Muttersprache – jetzt, da ich, eine Hiobide, wahrlich mit allem Elend (im altdeutschen und modernen Sinn) geschlagen bin, richte ich mich auf an der Möglichkeit, anderen Menschen zu helfen, Ihnen [!] Leben und Freiheit zu retten und Ihnen [!] eine bescheidene Existenz zu verschaffen: das wird in der nächsten Zeit mein Leben sein und damit durfte ich durch eine gütige Fügung schon hier beginnen. Denn wenn ich auch Ihnen recht gut nachfühlen kann, daß Sie über dem allgemein Verhängten alles andere, auch Ihr eigenes Los vergessen, so kann ich mit Ihnen in der ersteren und in der letzten Tatsache übereinstimmen: mich selbst vergesse ich über oder unter diesem Verhängnis, niemals aber noch ist es mir so wichtig, so lebenswichtig gewesen, dem Mitmenschen beizustehen, den Gedemütigten durch ein warmes teilnehmendes Wort das Herz zu erfrischen, – niemals noch habe ich so tief die Zusammengehörigkeit mit jenen gefühlt, die das gleiche Ziel haben wie ich und die nicht nur selbst eine christliche Existenz führen – sondern auch andere in eine solche einführen wollen. Das es noch solche Menschen gibt – auch Hanno gehört zu ihnen – ist mein Trost und hilft mir über den Verrat und Verlust vieler hinweg, die ich bis jetzt für meine Freunde halten durfte.
Darf ich Sie bitten, mich in freundlichem Gedenken zu behalten und, wenn es Ihnen danach zu Sinn ist, mir Nachricht zu geben auf dem Mittelweg, den ich umseitig angebe. Gott schütze Sie!
Ihre Martina W.


1948-08-20
Martina Wied an Ludwig von Ficker

Wien III; Reisnerstrasse 48, d. 20. August 1948

Mein Freund,
Dass ich meinen Namen von Ihrer Hand – nach, ach, wie langer Zeit! – wieder auf einem Brief fand, hat mich tiefer erschuettert als ich sagen kann. Sie duerfen nicht glauben, weil ich es richtiger fand, mein Wissen zu beschweigen, ich haette nicht, seit ich weiss was Sie durchgemacht haben – und „noch durchmachen“ es nicht im Innersten mitgelitten. Dass es gerade Sie getroffen hat – und gerade Sie – so getroffen hat, koennte mich an dem, woran ich doch trotz allem glaube, zweiflen machen, wenn ich nicht dahinter eine geheimnisvolle Absicht der Vorsehung ahnte, die den am Haertesten prueft der ihr jeder Pruefung wert erscheint. Zuweilen aber meutere ich gegen solche Demut – denn mein altes wildes Herz ist (obschon es, physisch genommen, mich jetzt der Spuren des Erlittenen bei jedem schnelleren Schritt, jedem sich Buecken oder Recken eingedenk macht) noch nicht ganz beschwichtigt und besaenftigt. Wissen Sie aber was mir an Ihrem Brief, trotz seinem Inhalt, am Troestlichsten war? Ihre Schrift. In diesem Zusammenhang moechte ich von einem Erlebnis sprechen, das mir in meinen letzten Londoner Tagen zuteil wurde: Ich hatte dahin einen Koffer geschickt bekommen, der vier Jahre lang in Glasgow eingelagert gewesen war: als ich ihn aus- und umpackte, fand ich darin das Paeckchen Ihrer Briefe, alle, mit Ausnahme, der letzten, entscheidenden, 1926 geschriebenen... (Es ist der groesste Teil der mir gehörenden Briefe, die von Stoessl, von Paul Ernst und andere von geringerem Affektionswert vor meinem Auszug in einem grossen Auto da Fè umgekommen, Ihre sind mir erhalten. Das war nach den beiden Briefen die ich Ihnen, aus London und aus Blackheath geschrieben hatte.) Ich verbrachte die halbe Nacht mit dem Lesen Ihrer Briefe, in unbeschreiblichem Gefuehl. Alles stand wieder in mir auf und alles wurde lebendig, ich hielt mein Leben in einer Handvoll beschriebenen Papiers – oder, genauer: Das Beste meines Lebens. Es stoert mich deshalb, wenn Sie Worte wie Erkenntlichkeit oder Dankbarkeit, oder Beschaemung mir gegenueber anwenden. Sie haben mir einmal gesagt, und das schien mir damals hart, es sei unabaenderlich, dass ein Mensch fuer den anderen Schicksal – und, in der Umkehrung nur Zufall sei (es war gewiss besser ausgedrueckt, dieses aber war der Sinn.) Sie haben es sich vielleicht niemals klar gemacht – wollten es sich nicht klar machen – in welcher Weise und wie tief Sie in mein Leben eingegriffen haben. Ja, wenn ich heute, eine kraenkliche alte Frau, anderen Menschen etwas sein und auf Sie [!] wirken kann – wenn Sie, wie Sie mir so guetig sagen, auch aus meinen Kritiken in der „Wiener Zeitung“ das was sie hintergruendet herausfuehlen – und, hoffentlich, auch in einem Buch das Ihnen demnaechst zugehen wird, herausfuehlen werden – wem anders als Ihnen hab’ ich das zu verdanken? Wenn irgend ein Mensch einen anderen – im Mass des ihm Verliehenen und Erlebbaren, umgeschaffen hat – dann haben Sie das in mir vollbracht. Es waren Gegenstroemungen da, gewiss – und zwar notwendige, weil man ja erst ueber die Stromschnellen im Inneren hinweg zu seinem gottgewollten, massvollen Lauf gelangt: Sie aber waren es der dem Strombett die Richtung vorgegraben hatte. Leichter haben Sie es mir nicht gemacht, im Gegenteil, schwerer, sehr schwer. Aber, haette ich anders gelebt und gehandelt, als nach dem Mass das Sie mir gegeben haben und das ich seither in mir trug, ich wuerde mit mir zerfallen sein. Wenn ich heute, ueber so viel – so viele Leiden hinweg, dennoch den Mut zum Weiterleben, so lange es Gott von mir fordert, aufbringe, dann verdanke ich’s Ihnen. (Sie moegen auch daran ermessen, wie es mich getroffen hat, schlimmer als Verbannung, Verarmung, ins Elend, als ich annehmen musste, dass auch Sie mich verbannten, dass ich auch in dem was ich noch von Ihnen zu besitzen glaubte, verarmt war) Heute aber, denk’ ich, tut es Ihnen vielleicht auch wohl, zu wissen, wie sehr ich mich als Ihre Schuldnerin – als Ihr, wenn auch sehr unvollkommenes und mangelhaftes – aber dennoch – als Ihr Geschoepf fuehle, wissend, was an einigem Wert in mir stecken mag, ist von Ihnen in mich hineingelegt worden. Ich bitte Sie darum, das hinzunehmen, als meine wahrste Wahrheit, unwidersprechbare Wahrheit. So etwas sagt man, und gar als alte Frau, die daran geht ihr Haus zu bestellen (obschon ohne sichtbares Haus, ja sogar ohne eigene Wohnung) so etwas sagt man nur einmal und kommt auch nie wieder darauf zurueck. Aber gesagt musste es sein.
Die aeussere Existens freilich, ist nicht leicht. Hanno ist noch in Brasilien er, auf dessen Wunsch allein ich zurueckgekommen bin: Er war krank, hat zwei Operationen hinter sich, es ist ein circulus viciosus, die Krankheit ruehrt vom Tropenklima her und hindert ihn zugleich, sich in ein gesunderes zu begeben. Ich hatte von [!] genau zwei Jahren bereits meinen Schiffsplatz nach Rio, mein Visum, und liess mich von Hanno umstimmen. Jetzt dauert die Trennung schon fast 10 Jahre! Zehn Jahre Fasten und Karenz. Und die zitternde Furcht: Ob es ueberhaupt noch zu einem Wiedersehen – einer Wiedervereinigung kommen mag? Bei dem allen ist der Hanno ein Mensch geworden, vor dem ich mich immer unzureichend fuehle und ein bisschen schaeme. Aber gerade das macht die Trennung noch haerter.
In Treuen Ihre 
Martina

Den Brenner habe ich mir gestern erst von Gluecks abgeholt und nicht mehr davon als das Inhaltsverzeichnis gelesen: Vorlaeufig nur herzlichen Dank!

 

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