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Fließtext*
Von Clemens J. Setz

Erde ¶ Schon erstaunlich, dass viele (nicht alle) Kulturen –
die unsere nicht ausgenommen – die Unterwelt, nun ja, unter uns vermuteten. Dass es dabei heiß zuging, zumindest in christlichen Höllenvorstellungen, ist noch erstaunlicher: Sie hatten ja recht! Der Erdkern IST unvorstellbar heiß, und im Erdmantel sieht dies nicht viel anders aus. Woher wussten sie es? (Wegen der Vulkane?) Aber ganz allgemein: Warum das Gute, den Himmel, oben vermuten, das Schlechte, die Hölle also, unten? Denn was aus der Erde kommt, ist nicht schlecht: Nahrung, Holz und Stein, die man zum Bauen verwenden kann. Dort unten wachsen Wurzeln, die den Saft hinaufschicken in die Pflanzen, die auf den Teller kommen und die auch die Tiere nähren, welche wiederum auch von uns gegessen werden … Nun gut, dass man Sphärenklänge eher in luftigen Höhen vermutet, leuchtet ein, zugegeben. Aber nicht nur Schönes kommt von oben, auch, sagen wir, Hagel zum Beispiel, der die Ernte vernichten kann, glühende Hitze oder strenger Frost. Ein erzürnter Gott schleudert Blitze, doch die Unterwelt auch der Griechen, die ist unter der Erde. Oder Raubvögel, Harpyien, der Vogel Greif stoßen von oben herab und rauben kleine Tiere (Kinder), reißen sie einfach von der kühl daliegenden Erde hinauf in nicht geheure Höhen. Also warum wurde die Erde, die zuverlässige und so gut wie immer berechenbare, derart diskreditiert? Erde ist schwer, Erde ist fest, sie gibt nicht leicht etwas frei. Beim Graben in dem kleinen Stück, das ich als „meine“ Erde in „meinem“ Garten betrachte, fand ich manchmal Verstörendes. Scherben noch das Harmloseste, denn das Haus ist ein mehrstöckiges Zinshaus. Das hat schon viel gesehen. Ich habe viele Scherben ausgegraben, Scherben, die zu einem Service gehört haben werden, weißes Porzellan mit grünem Blumenmuster. Oft habe ich mir vorgestellt, dass es im Weltkrieg vielleicht bei einem Bombardement … – aber das ist ja Blödsinn. Das Haus wurde offensichtlich nie getroffen. (Aber weißt du es sicher?) Also dann doch vielleicht ein Versehen oder Wurfgeschosse bei einem Ehestreit. Nur sind es so viele – an verschiedenen Orten im kleinen Garten und auch vorne hinaus im Hof. Gut, und ein-, zweimal eine Spritze, Junkies suchten wohl hier einmal Schutz. Aber das kann mir das Grausen der Vorfahren vor der Erde nicht erklären. Der Teufel sitzt in der Hölle, und er ist ganz klar unten. Denn er wurde aus dem Himmel (oben) geschmissen, weil er Gottes Zorn erregt hatte, so steht es in der Bibel. Und dort werden die armen Seelen, weil Sünderinnen und Sünder, von den Hilfsteufeln getriezt. Vorstellbar wäre doch auch gewesen, die Hölle in Berghöhlen zu verorten, auf dem Grund des Meeres oder eines Sees, oder was weiß ich wo. Beim Graben in der Erde habe ich schon wahrhaft unheimliche Dinge gefunden. Ich will eine Dahlie oder irgendetwas pflanzen und grabe ein Loch in der Ecke des alten Blumenbeets, wo ich bisher noch nie etwas gepflanzt habe, und stoße auf eine weiche, glibberige, orangefarbene Masse, die ich mir nicht erklären kann. Was bist du? Ich schrecke davor zurück. Mir geht durch den Kopf, dass es etwas Organisches sein muss – etwa ein Pilz? Ich befördere einen Teil der Masse ans Tageslicht, angewidert und unangenehm berührt. Der Glibber scheint noch lebendig zu sein. Was ich damit gemacht habe, weiß ich nicht mehr. Auch nicht, ob die Dahlie dann gedieh, auf solcherart gedüngtem Boden. Aber ich erinnere mich, dass ich dachte: etwas Böses; etwas, das vergammelt, ein Überbleibsel. Und ganz sicher gehörte es nicht in die Erde, hier in mein Blumenbeet, das mit hellgrauen Granitquadern begrenzt ist. Ein anderes Mal kroch ein Regenwurm heraus, der einfach zu groß und zu lang war. Bestimmt dreißig Zentimeter, dachte ich damals (bin allerdings schlecht im Schätzen von Größen, Längen und so weiter), dick wie ein Ringfinger, eilte er davon und grub sich bei erster Gelegenheit wieder ein. Es kann eigentlich nicht sein. Heuer habe ich Biomüll im Garten vergraben, weil ein Influencer dazu riet – Kompost! Ich wartete die vorgeschriebene Zeit ab, ehe ich wieder eine Pflanze dort vergrub, oberhalb des kostenlosen, selbst hergestellten, gesunden Komposts, so dachte ich. Als ich den Spaten in die Erde stieß, förderte ich wimmelnde Ameisen zutage, die hunderte Larven zu retten versuchten, indem sie sie im Zickzack aus dem eben von mir zerstörten Bau schleppten. Ein ekelhafter Anblick, trostlos. Da haben wir es vielleicht. Mein Eindringen in eine mir nicht vertraute, mir nicht anvertraute und nicht trauliche Sphäre – ohne Klänge, siehe oben – verursachte mir a) Kopfzerbrechen (woher die Scherben?), b) ein Grausen über die orange amorphe Masse, c) Ekel vor dem monströsen Regenwurm und schließlich d) ebenfalls Grausen, Ekel und Schuldgefühle angesichts des weiß-grauen Gewimmels über den halb vergammelten Mandarinen- und Eierschalen meines Mülls; wie sehr sich die Ameisen über diesen Schatz aus verrottenden Lebensmitteln (meistens Bio) gefreut haben müssen, in den hinein oder um den herum sie vertrauensvoll ihren Bau samt Kinderstube errichteten. Ach Gott. Wie ein wütender, dummer Gott habe ich gefuhrwerkt – und den Traum der Ameisen, wenn nicht vernichtet, so doch sicher beschädigt. Sie sind ja harmlos – abgesehen davon, dass sie auf meinen Pflanzen Läuse züchten. Aber solange auch die Marienkäfer kommen und die Läuse fressen … Und so bin ich ein staunender Eindringling in „meinem“ Garten. Weiter als ein paar Handbreit komme ich ohnehin nicht hinunter, und ich gestehe, ich würde es auch nicht wollen. Das Haus ist alt, und da, wo es steht, stand schon früher eines – oder sehr gut möglich, auch ein Friedhof. Im Bezirk soll es in der frühen Neuzeit viele davon gegeben haben (habe ich leider irgendwo gehört oder gelesen). Und aha – das ist es natürlich! Wie konnte ich den Tod vergessen? Die Toten werden bei uns ja erdbestattet, klar. Aber dass dann drunter gleich die Hölle … und die Hitze …, woher nur konnten sie das wissen?

— * Text, der in einem Stück und ohne Unterbrechungen durch Absätze, Überschriften, Abbildungen, Fußnoten u.  Ä. gesetzt wird.
— Aufforderung, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen und dabei nicht zurückzuschauen; freihändig draufloszulegen, ohne zu korrigieren; die Buchstaben zu Papier zu bringen und bedenkenlos aus der Hand zu geben.

 

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