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Im Tal der Zuckerbäcker

Wie viele Bergregionen hat auch das Val Surses in Graubünden mit der Abwanderung und dem Verfall wertvoller Bausubstanz zu kämpfen. Trotzdem ist das Tal für sein hochkarätiges Kulturleben bekannt und zieht Gäste aus der ganzen Schweiz und darüber hinaus an. Wie man mit Turmbauten aus dem 3D-Drucker und Tanztheater in Burgen, Scheunen und Sümpfen gegen die Strukturschwäche angeht, erzählt Giovanni Netzer, Gründer und Intendant der Stiftung Nova Fundaziun Origen. Die vielfach prämierte Kulturstiftung feiert heuer ihr 20-jähriges Jubiläum. Ein Besuch von Gero Günther.

Am eindrucksvollsten, hatte es geheißen, wirke der Weiße Turm, wenn man über die steilen Bergwiesen von Sur herunterkommt. Zwischen den Zweigen der Tannen und Lärchen hindurch tauchen die wenigen Häuser von Mulegns auf und mittendrin, höher als jedes andere Gebäude, ragt dieses unerklärliche Gebilde in den Berghimmel.

Mit 30 Metern Höhe ist der Weiße Turm das höchste digital gedruckte Gebäude der Welt. Eine filigrane Kuppel, getragen von 32 verschnörkelten Betonsäulen. Ein Bauwerk als Experiment, Forschungsobjekt und Hingucker. Mit seiner exzentrischen Form soll es an die Handwerkskunst der Patissiers erinnern, die einst aus dem Val Surses in die Welt hinauszogen und als wohlhabende Männer zurückkamen. Aber das Gebäude ist mehr als ein Symbol. Der Weiße Turm ist Teil einer großangelegten Rettungsaktion.

Wie viele andere Orte in Graubünden ist auch Mulegns vom Aussterben bedroht. Nur noch 13 Menschen leben in dem Weiler an der Julierstraße. Dass das Dorf nochmal eine Chance bekommt, hat es der Nova Fundaziun Origen zu verdanken, einer Bündner Kulturinstitution, die seit 2005 in den Bereichen Kulturarbeit, Denkmalpflege und Dorfentwicklung aktiv ist. Origen hat Millionen in die Region investiert. Hat Gebäude saniert und umgewidmet, Aufführungsstätten, Werkstätten, Lokale und Cafés eröffnet und jede Menge Besucher ins Val Surses geholt. Inzwischen arbeiten 250 Menschen für Origen, 40 von ihnen in Vollzeit.

Gründer der Nova Fundaziun Origen ist Giovanni Netzer. Ich treffe den Theologen und Theatermann im „Löwen“ in Mulegns, einer ehemaligen Postkutschenstation und einem der ältesten Hotelensembles der Schweiz. „Zu seinen Glanzzeiten“, erzählt Netzer, „stiegen hier Zarenwitwen und amerikanische Präsidenten ab, Nobelpreisträger, Künstler und Unternehmer“. Als schließlich die rätische Bahn gebaut wurde, musste kein Durchgangsreisender mehr in Mulegns übernachten. Irgendwann begann die Fassade des „Löwen“ zu bröckeln und Regen in die Räume einzudringen. 2019 kaufte Origen das Gebäude und bewahrte es in letzter Minute vor dem Verfall. Inspiriert von der früheren Noblesse entstand ein Hotel voller Farbenfreude und Glamour. Der Textildesigner Martin Leuthold hat jahrzehntelang Stoffe für die Haute Couture entwickelt und gehört zu den treuesten Mitarbeitern von Origen. Für das „Post Hotel Löwe“ hat er Tapeten, Teppiche und Stoffe gestaltet, die so bunt und lebendig sind, dass man einen Aufenthalt im „Löwen“ nie vergessen wird.

Neben dem Hotel steht die Weiße Villa, die der reiche Zuckerbäcker Jean Jegher 1856 im französischen Stil errichten ließ. Auch sie wurde von Origen erworben. 2020 wurde das Gebäude auf Schienen gelegt und um acht Meter verschoben. Zuvor, erzählt Netzer, hatte es an der Engstelle der Julierstraße immer wieder Unfälle gegeben.

Erstes Kapitel: Theologie und Theater

Giovanni, du hast Theologie studiert und hättest dich ordinieren lassen können, statt Theater zu machen.
Ja, es hätte nicht mehr viel gefehlt und ich wäre Priester geworden. Während des Theologiestudiums in München wohnte ich im Georgianum, einem Priesterseminar, das vor über 500 Jahren von den bayerischen Herzögen gegründet wurde und eines der ältesten der Welt ist. Die Materie interessiert mich immer noch. Besonders die Liturgie. Und die ist ja auch nahe am Theater. Das war irgendwie auch eine Gratwanderung.
Die Theologie habe ich abgeschlossen und danach Theaterwissenschaften studiert und über rätoromanische Barockdramen promoviert, die wiederum auch ein bisschen liturgisch sind.
Nach dem Studium hast du begonnen, in deiner Bündner Heimat Theaterprojekte auf die Beine zu stellen.
Und keiner konnte meinen Elan bremsen. Das Tal musste sich damit abfinden, dass ich von nun an Theater mache. Ich habe damals sehr gern und intensiv mit Jugendlichen gearbeitet und einige von ihnen sind in meine Projekte hineingewachsen. Irgendwann fanden wir dann, dass eine Regelmäßigkeit schön wäre, und gründeten das Origen-Festival.
Ihr habt Theater in einer alten Burg gemacht, in Scheunen und in der freien Natur.
Freilichtspiele haben in Graubünden Tradition. Das haben wir nicht erfunden. Es gibt hier diese großen Landschaften und viele Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Wir fanden es naheliegend, diese Tradition zu revitalisieren. Aber unter extremeren Bedingungen und bei jedem Wetter. Eines unserer ersten Freilichtspiele fand auf dem Julierpass statt. In dieser rauen Landschaft auf 2200 Metern. Wir waren bereit, den Darstellern etwas zuzumuten. Zu lernen, mit dem Unvorhersehbaren umzugehen, war eine spannende Erfahrung. 
Wie geht das Publikum mit dieser Art von Kultur-
erlebnis um?
Viele kommen ja aus Zürich und kennen solche Wetterbedingungen nicht. Wir warnen die Leute natürlich. Auf dem Julier ändert sich das Wetter oft sehr abrupt. Es gibt viele Nebelschwaden. Das entfaltet eine eigene dramatische Wirkung, und die ist sehr stark. Wenn von hinten eine Wolkenwand aufsteigt und alles überschwemmt, stockt einem der Atem. Das sind Erfahrungen, die wir nicht mehr gewohnt sind. Wir kennen bloß noch den Bühnennebel. 
Das Unkontrollierbare reizt dich. 
Ich glaube, dass Kultur das wieder braucht. In unseren Konzerthallen, Museen und Theatern ist jede Außenwirkung ausgeschaltet. Das sind fast klinische Bedingungen. Möglicherweise ist das Konzept des kontrollierbaren Raumes aber veraltet. Die Realität ist anders. Die klimatischen Bedingungen lassen sich nicht mehr kontrollieren. Es ist daher eine einfache, aber interessante Frage, wie sich die Kunst gegenüber dem Wetter verhält. 
Schwingt da für dich auch ein theologisches Thema mit? 
Es gibt Dimensionen, die sich unserer Kontrolle entziehen. Nicht nur, was das Wetter angeht. Wir haben übrigens festgestellt, dass sich Tänzer für solche Experimente am besten eignen. Sie sind die Zähesten auf der Bühne und diejenigen, die die urtümlichste Sprache haben, weil sie sich über physischen Ausdruck bemerkbar machen. Worte sind im Wind schnell verschwunden. Das klingt jetzt vermutlich etwas alttestamentarisch. 
Der Tanz also als etwas Elementares.
Etwas, das wir im intellektualisierten Bildungstheater nicht mehr kennen. Oft kann man auf Worte verzichten. Wenn zwei Menschen auf der Bühne aufeinander zugehen, verstehen wir intuitiv, ob das im Zorn geschieht oder aus Anziehung. Und natürlich sprechen wir bei einem Tanz, der sich in die Landschaft hinauswagt, nicht von klassischem Ballett. Auf weichem, sumpfigem Boden kannst du keine Pirouetten drehen. 
Ein wichtiger Einfluss auf deine Produktionen war John Neumeier, der von 1973 bis 2024 Ballettdirektor an der Hamburgischen Staatsoper war. 
John Neumeier habe ich während des Studiums kennengelernt. Dadurch ist dieser Bezug nach Hamburg entstanden. Was mich an seinem Tanztheater so fasziniert, ist die psychologische Genauigkeit. Ich habe wenige Künstler erlebt, die mit einer solchen Kraft und Entschiedenheit in ihre Werke hineingehen wie John. Seine Art, Stoffe zu durchdringen, ist einzigartig.
Du arbeitest ja derzeit wieder mit Tänzern aus Neumeiers Compagnie zusammen. 
Ja. Das sind einfach gute Leute. Sie haben gelernt, mit offenem Herzen auf die Bühne zu gehen. Und das funktioniert natürlich besonders gut bei der Nähe, die unsere Bühnen hier bieten. 
Wie schafft man das, solche Weltklasse-Künstler ins Val Surses zu holen? 
Wir beschäftigen die Künstler ja meist in den Ferien, und die Freiräume, die wir hier gewähren können, faszinieren viele Tänzerinnen und Tänzer. Besonders die kreativen unter ihnen. Der Rote Turm, unser Auftrittsort am Julierpass, den wir inzwischen abgebaut haben, war für viele Darsteller eine ganz besondere Erfahrung. Sie tanzten dort bei Tageslicht auf einer hängenden Bühne. Zwischen den Kühen. Das war schon sehr speziell.
Es gab einen Roten, jetzt einen Weißen Turm. Was ist das bei dir mit den Türmen?
Diese Vertikale hat wohl etwas mit mir als Theologen zu tun. Und natürlich sind wir hier in einer vertikalen Landschaft unterwegs. Türme sind hier keine Fremdkörper und die Berge relativieren die Türme ja auch. Ich wollte immer dem plüschigen Grundempfinden des Theaters etwas entgegensetzen. Dort sitzt man gut gepolstert und schaut auf einen Samtvorhang, und dahinter ist eine gute Stube. Das hat ja etwas sehr Wohnzimmerhaftes. Aber wo kriegen wir die großen Mächte ausgelotet? Das funktioniert doch in der Natur besser. In diesen Jahrmillionen, die da in der Natur herumsitzen. Die Dämmerung zu erleben. Die Nacht. Das hat eine große mythische Aufladung. 
Bist du denn selbst gern in der Natur unterwegs?
Ich bin gern draußen, aber ich steige nicht allzu oft auf Gipfel. Berge sind eigentlich nicht zu betreten. Außer die kleinen. Ich sehe von zuhause aus den Piz Mitgel, und als Kinder hat man uns gesagt, dass das ein schlafender Riese sei. Diese ganze Bergsteigerei kann sehr schnell auch etwas Hochmütiges haben. Im babylonischen Kontext würde man sicher von Hybris sprechen.
Ist es nicht auch Hybris, Theater am Julierpass zu spielen?
Doch, aber wir haben das immer mit der Kulturgeschichte des Passes begründet. Es gab dort einen Römertempel und im Mittelalter eine Sebastianskapelle. Wir haben versucht, dieses Moment wieder aufzugreifen. Die anthropologische Bedeutung eines Passes. Also etwas hinter sich zu lassen und in das Neue hineinzugehen. Früher spielte das sicher noch eine viel größere Rolle. Schließlich war Reisen ja auch etwas Gefährliches. Aber ich glaube, solche Dinge wirken auch heute noch nach. Jedenfalls halten die Leute auf der Passhöhe und steigen aus dem Auto. 
Ich habe gehört, dass du am Julierpass etwas Neues planst.
Unser neues Projekt ist ein Hospiz. Ich mag den Gedanken sehr. Den Menschen Unterschlupf zu bieten, Essen und sich daneben auch noch ein wenig um ihr Seelenheil zu kümmern. Das Gebäude soll wieder ein Turm werden. Diesmal mit einem spiralförmigen Aufgang. Das ist dann schon so eine Art Himmelsleiter. 

Zweites Kapitel: Süßigkeiten

Der zweite Teil des Gesprächs findet im Garten der Villa Carisch statt. 15 Fahrtminuten von Mulegns entfernt. Das Café, betrieben von der Nova Fundaziun Origen, liegt in Riom, dem Hauptsitz der Stiftung. In Riom befinden sich mehrere Aufführungsorte und Lokale der Stiftung, die Büros und Werkstätten. 

Es heißt, dass du sehr gerne Süßes isst. Stimmt das? 
Ja. Aber jetzt reicht mir eine Tasse Kaffee. Genieß du den Kuchen. 
Wie kam es dazu, dass die Bündner Zuckerbäcker international so einen großen Erfolg hatten?
Eigentlich planten die ersten Auswanderer, Bäckereien in Venedig zu eröffnen. Aber Brot gab es dort schon genug. Gleichzeitig tauchten damals neue Luxusprodukte am Handelsplatz auf. Schokolade, Kaffee und Marzipan. Und damit begannen die Bündner zu arbeiten. Das hat sie wohlhabend gemacht. Später wurden die Bündner Zuckerbäcker des Landes verwiesen und verteilten sich auf ganz Europa. Sie gingen nach Frankreich, England, Spanien, Finnland und Russland.
Die Bündner laufen also erst im Ausland zu Höchstform auf? 
Genau. Und dann kommen sie zurück und bauen zuhause ihre luxuriösen Villen. Unser Historiker Basil Vollenweider hat neulich ein Zitat aus dem späten 19. Jahrhundert vorgetragen, in dem sich der Autor eines Reiseführers beklagt, dass die Zuckerbäcker die Bündner Dörfer mit ihren extravaganten Häusern verschandelt und das gesunde Landleben der bäuerlichen Bevölkerung untergraben hätten.
Haben diese Rückkehrer die Dörfer denn wirklich durcheinandergebracht?
Was sicher stimmt, ist, dass die sozialen Unterschiede enorm waren. Aber es ist ambivalent. Die Carischs, die die Villa gebaut haben, vor der wir gerade sitzen, kamen als reiche Gastronomen aus Paris zurück und investierten in den Wiederaufbau des Dorfes, das damals gerade von einem verheerenden Brand zerstört worden war. Sie brachten viel Know-how mit, Erkenntnisse aus der Pariser Stadterneuerung, wenn auch in kleinem Format. Hygiene, Helligkeit. Das neue Schulhaus beispielsweise, das Carisch bauen ließ, war mit großen Fenstern ausgestattet. Er ließ außerdem ein Sägewerk und eine Mühle errichten. Das waren wichtige Impulse.
Sprich, die Grenzen von Stadt und Land waren schon damals viel durchlässiger, als man gemeinhin glaubt?
Ja, diese Leute sind zwischen Paris und Riom gependelt. Es gab einen regen Austausch. Nach dem Zweiten Weltkrieg bürgerte sich die Vorstellung ein, dass die Bergbevölkerung seit Jahrmillionen hier oben mit ihren Kühen und Ziegen im Heidiland lebt. Und das stimmt einfach nicht. Es gab hier immer Durchgangsverkehr und Leute, die in anderen Sprachen kommunizierten. Eine der Bernsteinrouten verlief durch das Val Surses. Schon 2000 vor Christus kamen Händler vorbei.
Man wirft Kulturinitiativen wie eurer gerne vor, dass sie sich eigentlich nur um die Eliten kümmern und die Bevölkerung der Gegend zu kurz kommt. 
Origen ist kein aufgesetztes Regionalentwicklungsprogramm. Ich stamme aus Savognin, lebe hier, und die Landschaft inspiriert mich. Es wäre mir suspekt, wenn die Kultur primär ein Vehikel für etwas anderes wäre. Quasi, ohne dass ihre eigentlichen Inhalte zählen. Wenden wir es einmal andersherum. Wir haben hier aufgrund der Strukturschwäche große Freiheiten. Ich kann Choreographen aus der halben Welt beauftragen, etwas Eigenes zu entwickeln. Solche Aufträge bekommen sie sonst nie. Hier gibt es keine stilistischen Vorgaben wie an den großen Theatern, keine Längenvorgaben. Vieles ist an den großen Stadttheatern ja sehr stark schubladisiert. Wir haben ganz andere Möglichkeiten. Zwar erreichen wir nicht das große Publikum der Städte, aber wir fördern die Kreativität und bieten Formate an, die unüblich geworden sind.
Bei vielen eurer Produktionen kommt das Publikum den Künstlern sehr nahe.
Das ist natürlich auch eine Herausforderung. Letzte Woche waren Tänzer der Pariser Oper hier und haben in der Clavadeira getanzt, einer ehemaligen Scheune. Sie mussten sich erstmal daran gewöhnen, dass das Publikum rundherum sitzt. Andere Räume geben andere Spielformen vor. Das vergisst man häufig, weil die Bühnen so standardisiert sind. In vielen Fällen ist es aber sinnvoll, von der Norm abzurücken. Im Barock wollte man zeigen, dass eine Tänzerin fliegen kann. Also ließ man sie zwei Minuten wie verrückt springen und sah sich das aus der Ferne an. Keiner wollte wissen, dass sie nach ihrem Auftritt in den Kulissen nach Luft schnappte. Bei uns bleiben Tänzer oft 60 Minuten lang auf der Bühne und das Publikum kann jeden Schweißtropfen sehen. 

Drittes Kapitel: Der Weiße Turm

Der Weiße Turm ist in Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich entstanden. Wie kam es dazu?
Tatsächlich ist die ETH auf uns zugekommen. Sie verfolgen seit geraumer Zeit die Idee, dass die Forschung von einer Zusammenarbeit mit Kreativen profitieren könnte. Die Delegation, die sich dann mit uns in Mulegns traf, bestand aus einem Sozialwissenschaftler, einem Architekturprofessor, der Experte für digitale Bautechnologien ist, und dem VizePräsidenten der Disney-Studios, die an der ETH eine wichtige Produktionsstätte haben. Unsere Fragestellung war: Was für eine Art von Gebäude würde ein zu Reichtum gekommener Zuckerbäcker wohl im 21. Jahrhundert hinstellen? Die Idee, eine ganze Villa zu drucken, scheiterte am Platzmangel. Also entschieden wir uns für einen extravaganten Turm, der auf die ehemalige Fuhrhalterei gesetzt wurde. 
Das Resultat ist das, was man im Gartenbau ein Folly nennt, eine Verrücktheit.
Man muss diesen Turm definitiv nicht zu 100 Prozent ernst nehmen. Er ist eine spielerische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und nimmt unser historisches Erbe dabei auch ein bisschen auf die Schippe. Und gleichzeitig ist er eine Zukunftsvision, insofern hier neue materialsparende und gleichzeitig ornamentale Bauweisen zum ersten Mal erfolgreich ausprobiert wurden. Der Turm wurde ja von Robotern gefertigt und steht nun als weithin sichtbares Beispiel für eine digitale Handwerkskunst in der Berglandschaft. Und natürlich steht er auch für Experimentierlust und Weltoffenheit. 
Hattet ihr im Vorfeld mit Widerständen zu tun?
Der Turm wäre vielleicht nie gebaut worden, wenn wir nicht eine Vereinbarung getroffen hätten, dass er erst einmal nur fünf Jahre lang hier stehen soll. Er ist so konstruiert, dass wir ihn versetzen können. Falls der Weiße Turm innerhalb dieser Zeit zum Aushängeschild der Region geworden sein sollte und Gäste anlockt, kann neu verhandelt werden. Und dieses Verfahren ist meiner Meinung nach absolut richtig. Man schlägt etwas vor, muss aber auch bereit sein, zu verschwinden, wenn die Mehrheit sich gegen das Projekt entscheidet. 
Das Temporäre aus Prinzip?
Es darf schon auch feste Bauten geben. Aber natürlich ist das Theaterspiel eine vorbeiziehende Kunst. Uns geht es darum, Erfahrungen zu ermöglichen. Die Angst vor Veränderungen ist groß und man kann dieser Angst mit spielerischen Setzungen begegnen, mit Anschauungsobjekten. Dann kann der Zuschauer reagieren und sagen: „Ist ja gar nicht so schlimm“ oder auch „so wäre es wirklich besser“. 
Es geht demnach darum, Alternativen zum Bestehenden aufzuzeigen, Optionen anzubieten?
Wir haben einmal eine Ausstellung in Riom gemacht, die auf der Tatsache beruhte, dass dieser Ort um das Jahr 1840 genauso groß war wie St. Moritz. In St. Moritz entstand Tourismus und es wurde viel investiert. In Riom nicht. Aber in Riom gab es eine sehr reiche Familie, die in Paris zu Geld gekommen war. Und wir sind der Frage nachgegangen, was passiert wäre, wenn der jüngste Sohn dieser Familie nicht im Krieg gefallen wäre, sondern ein Grand Hotel gebaut hätte. Und dann haben wir das durchgespielt. Wir haben einen Standort für das Hotel bestimmt und die Entwicklung durchgedacht. Es hätte einen Bahnhof gebraucht. Um eine Sehenswürdigkeit zu bekommen, hätte man womöglich die Burg umgebaut. Sie sah dann ein bisschen wie Neuschwanstein aus. Wir haben sogar fingierte Briefe geschrieben. Sprich, wir haben eine Realität simuliert. Solche Übungen zeigen, dass die Dinge immer auch anders verlaufen können, und das hilft uns wiederum dabei, über die Zukunft nachzudenken. Welche Zukunft wollen wir denn? Und welche Zukunft wollen wir ganz konkret für die sterbenden Dörfer der Region? Dann können wir uns vielleicht auch endlich von den alten Instrumenten lösen, die immer und immer wieder probiert werden und nicht funktionieren. 
Welche überholten Instrumente hast du da im Auge?
Ich denke etwa an die starke Betonung der Landschaft. Wenn nur noch ein Bruchteil der Menschen in diesem Sektor beschäftigt ist, sollte man sich vielleicht nicht zu viel von solchen Maßnahmen versprechen. Wir müssen proaktiv nach anderen Gestaltungsmöglichkeiten suchen. Sonst entsteht keine Freude an Entwicklung. 
Proaktiv zu sein, bedeutet aber auch, sich in Dinge einzumischen, die nicht unbedingt zu deinen Kernkompetenzen gehören?
In unseren Gefilden bekommt man keine kulturellen Aufträge. Es gab also keine Alternative dazu, die mühsame Arbeit der Finanzierung und Realisierung selbst auf mich zu nehmen. Und die damit verbundene Freiheit würde ich nie wieder aufgeben wollen. So zu arbeiten, ist kolossal spannend. Die Herausforderung besteht nicht zuletzt darin, dein Projekt anderen zu erklären. Schaffe ich es, meine Vision glaubwürdig zu vermitteln? Das musste ich auch erstmal lernen. In der Stadt funktioniert es über Kommissionen, Szenen und Bubbles. Hier ist es anders. Hier muss ich Menschen überzeugen, die wenig Berührung mit solchen Themen haben. Das macht mich auch demütiger. Und wenn ich etwas nicht gut genug erklären kann, ist es eben –gewagte These – vielleicht auch kein ganz so gutes Projekt. 
Aus lauter Coolness Verständnis und Wissen vorauszusetzen, wäre dann eine sehr dumme Idee. 
 Es kann sehr arrogant sein, keine Brücken herzustellen. Die Leute sollen sich ja nicht blöd vorkommen, weil sich ihnen etwas nicht erschließt. Wenn man möchte, dass da nicht nur ein geschlossener Zirkel kommt, sondern auch Leute aus anderen Sphären, dann braucht es Brücken. Der Austausch mit dem Publikum ist für beide Seiten produktiv. 
Origen schnürt hier sehr interessante Pakete. Wenn man beispielsweise eine Architekturführung durch den Weißen Turm bucht, bekommt man einen Bon für die von Architekturstudenten entworfene Gelateria obendrauf und eine hochwertige Publikation über Origen.
Alle Details müssen liebevoll und sorgsam gestaltet werden. Das wird oft verkannt. Wir bekommen Gelder von Spendern, Mäzenen und der öffentlichen Hand. Wir stehen also in der Pflicht, unsere Arbeit richtig gut zu machen. Wir dürfen nicht schlampen. Aber natürlich kann immer auch alles schiefgehen. 
Zusammenfassend noch einmal die große Frage: Welchen Beitrag kann Kultur zur Revitalisierung einer Region leisten? 
Das testen wir gerade. Aber die erste Antwort ist: Sie macht es sowieso ständig. Die Frage, ob eine Kommune lebens- und liebenswert ist, hat sehr viel mit Kultur zu tun. Mit den Gebäuden, den Orten. Das müssen nicht immer Paläste und Kirchen sein. Sondern auch Cafés und Plätze. Und das ist unendlich nachhaltig, was die Identitätsstiftung angeht. Bei den Einwohnern, aber auch bei den Touristen. Der Kulturtourismus ist immer noch die wichtigste Form des Tourismus. Er zieht weit mehr Menschen an als Sport oder Wellness.

 

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