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Brennergespräch (31): „Ideen zu haben, ist einfach.“

So viele Leute passieren jeden Tag den Brenner. Quart bittet herausragende Persönlichkeiten an den Straßenrand zu einer Jause mit Gespräch. Folge 31: die italienische Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Dokumentarfilmerin Francesca Melandri, bekannt für ihren Südtirol-Roman Eva schläft und ihre Arbeit für Film und Fernsehen, im Gespräch mit Kunigunde Weissenegger, Co-Gründerin von franzLAB und Chefredakteurin von franzmagazine.

Bei der Anreise denke ich an ihre Bücher. Vor Kurzem war ich bei der Lesung ihres neuesten Romans Kalte Füße. Nach der Trilogie der Väter – Eva schläft, Über Meereshöhe und Alle, außer mir – ist es wohl ihr persönlichstes Werk: ein Zwiegespräch mit ihrem verstorbenen Vater Franco, der als Soldat der italienischen Armee den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine überlebt hat – verknüpft mit der Gegenwart und dem gegenwärtigen Krieg in der Ukraine. Francesca Melandri, Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Dokumentarfilmerin, Jahrgang 1964, lebt in Rom und Berlin. Die Sommer verbringt sie jedoch in Bruneck in Südtirol. Dort, unweit des Brenners und wo sie alle ihre Bücher beginnt, treffe ich sie auch.

Kunigunde Weissenegger: Und damit gleich zur ersten Frage: Warum Bruneck?
Francesca Melandri: Das Pustertal gehört zu unserer Familiengeschichte, und damit auch zu mir. Ich habe viele Jahre hier gelebt, mit meiner jungen Familie. Meine Kinder sind in Brixen und Innichen geboren, sie sind hier aufgewachsen, sie reden untereinander bis heute im Pusterer Dialekt. Ich verstehe ihn zwar, spreche ihn aber nicht – mit meinem römischen Akzent wäre das eigenartig. 
Doch meine Beziehung zu diesem Land begann schon früh, lange bevor Bruneck für mich eine Rolle spielte. Ich komme nach Südtirol, seit ich sechs Monate alt bin. Meine Eltern lebten damals in Rom – mein Vater war Journalist, meine Mutter Übersetzerin – und in den 1960er-Jahren, als so etwas noch möglich war, bauten sie ein kleines Haus oberhalb von St. Cristina in Gröden. Dort, umgeben von Bauernhöfen, verbrachten wir jeden Sommer, kamen immer auch zu Weihnachten und Ostern. Ich bin in Rom geboren und aufgewachsen, aber wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich nicht die Stadtwohnung, sondern das Haus in Gröden. Wenn ich träume, träume ich von dieser Landschaft – von Wiesen, Bergen, vom Geruch des Holzes. Das Haus gibt es noch, meine Eltern sind inzwischen verstorben, aber meine Schwestern kommen weiterhin dorthin. Es ist also in der Familie geblieben, und die Leute im Tal kennen uns noch immer. Meine Mutter war dort sehr beliebt – in den 1960er- und 70er-Jahren, als viele italienische Touristen den deutsch- und ladinischsprachigen Südtirolerinnen und Südtirolern mit einer gewissen Überheblichkeit begegneten, war sie anders. Sie war offen, freundlich, neugierig. In meinem Roman Eva schläft habe ich sie am Ende in den Danksagungen erwähnt, weil sie mir gezeigt hat, dass Zugehörigkeit nichts mit Sprache oder Herkunft zu tun hat. 
Später habe ich auch als Erwachsene längere Zeit dort gelebt – mit Mitte zwanzig, als ich schon als Drehbuchautorin arbeitete. Ich konnte ja überall schreiben, also habe ich für einige Jahre den größten Teil des Jahres zwischen meinen Reisen in Gröden verbracht, auf Rom hatte ich keine Lust. Und dort, nicht in Rom, lernte ich den Mann kennen, der später der Vater meiner Kinder wurde – einen Brunecker. Ich bin also nicht nach Bruneck gekommen, weil ich ihn kennengelernt habe – ich habe ihn getroffen, weil ich schon hier war. All das zeigt: Das Pustertal und Gröden, Südtirol insgesamt gehören zu meinem Leben. Hier sind meine Familie und meine Erinnerungen verwurzelt, und in diesem Sinn auch ein Stück Heimat.
K.W.: Wie haben Sie Südtirol damals erlebt? 
F. M.: Viele sagten zu mir: „Du bist Italienerin – wer weiß, wie sie dich dort behandeln, ob sie dich vielleicht diskriminieren.“ Und ich antwortete immer: „Wenn es so wäre, hätte ich mich wohl kaum entschieden, hierher zu ziehen.“ Ich wurde wunderbar aufgenommen, besonders von der Familie meines damaligen Partners, die deutschsprachig war. Vor allem von der lieben Omi, die leider nicht mehr lebt – sie ist ebenso in den Danksagungen meines Buches Eva schläft erwähnt. Sie hat mich wie eine Tochter aufgenommen, war die Großmutter meiner Kinder, und ich habe mich bei ihr immer vollkommen als Teil der Familie gefühlt. Dass ich aus Rom kam und Italienerin war, spielte keine Rolle – „kein Thema“, wie man hier sagt. Ich bin in Frieden gekommen und gut behandelt worden, das ist meine Erfahrung. 
K.W.: Warum haben Sie Eva schläft geschrieben? 
F. M.: Das war für mich eine ganz natürliche Konsequenz, fast selbstverständlich. Ich habe hier gelebt, ich hatte – und habe – eine enge, persönliche Beziehung zu diesem Land und zu seiner Geschichte. Eva schläft entstand aus dieser Erfahrung heraus, nicht aus Distanz, sondern aus Nähe. Ich habe Eva schläft für mich geschrieben, wie man Bücher eben schreibt – weil man sie schreiben will, weil man das Bedürfnis hat, etwas auszudrücken. Wenn ich dabei an jemanden gedacht habe, dann vielleicht an italienische Leserinnen und Leser, die keine wirkliche Vorstellung von der Geschichte Südtirols haben. Ich hätte nie erwartet, dass das Buch von den deutschsprachigen Südtirolerinnen und Südtirolern so herzlich aufgenommen würde – auch von den Ladinerinnen und Ladinern, also von Nicht-Italienischsprachigen. Das hat mich wirklich überrascht. Beim Schreiben hatte ich überhaupt nicht darüber nachgedacht, wie das Buch ankommen würde. Das interessiert mich nicht. Ich schreibe nicht, um Erwartungen zu erfüllen, sondern weil ich es brauche – weil ich das Buch schreiben will, das in mir ist. Die Wärme jedoch, mit der Eva schläft in Südtirol aufgenommen wurde, war überwältigend. Viele Leserinnen und Leser sagten mir, sie hätten zum ersten Mal das Gefühl, ein Buch zu lesen, das weder „pro-italienisch“ noch „pro-deutsch“ ist, sondern „pro-menschlich“. Das war für mich das schönste Kompliment: dass ein Buch Menschen verbindet, ohne Partei zu ergreifen. Diese Reaktion berührt mich bis heute jedes Mal aufs Neue wieder.
K.W.: Für diesen Roman als wichtigen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben in einem komplexen Gesellschaftssystem und zum besseren Verständnis Südtirols weit über die Grenzen hinaus haben Sie den „Großen Verdienstorden des Landes Südtirol“ erhalten … 
F. M.: Ja. Ich erinnere mich sehr gut daran, als mir der Landeshauptmann deshalb geschrieben hat. In diesem Zusammenhang möchte ich Folgendes unterstreichen: Mir ist es wichtig, unabhängig zu sein. Meine Bücher haben oft eine politische Dimension – und gerade deshalb darf ich keine Verpflichtungen eingehen, ohne jemandem irgendwie Dank zu schulden. Ich muss frei bleiben, meine Meinung über alles und alle äußern zu können. Als ich also die Mitteilung bekam, antwortete ich, dass ich mich sehr geehrt fühle. Die Auszeichnung aber würde ich nur unter der Bedingung annehmen, dass sie keinerlei politische Bedeutung habe. Wäre sie parteipolitisch motiviert, hätte ich sie abgelehnt. Ich will keine Gunstbeziehungen. Ich will nie in die Situation kommen, jemandem verpflichtet zu sein und mich dadurch in meiner Arbeit beeinflussen zu lassen. Ich muss die Freiheit haben, in meinen Büchern und Texten alles sagen zu können, was ich denke – ohne innere oder äußere Einschränkungen. Das ist für mich eine Grundhaltung. Der Landeshauptmann antwortete damals sehr freundlich und bestätigte, dass es sich tatsächlich um eine parteiunabhängige Auszeichnung handle – eine Anerkennung des Landes Südtirol selbst, nicht einer politischen Gruppierung. Es ist die höchste Auszeichnung, mit der das Land Südtirol Persönlichkeiten ehrt, die Südtirols Geschicke – von außen – maßgeblich mitgestaltet haben. Unter dieser Bedingung habe ich die Auszeichnung angenommen. 
K.W.: Warum, glauben Sie, wurde Eva schläft international so erfolgreich? 
F. M.: Ich weiß es nicht genau – das müssen wohl die Kritikerinnen und Kritiker oder Leserinnen und Leser erklären. Es ist auf jeden Fall das Buch, das mit Abstand in die meisten Sprachen übersetzt wurde und sich über die Jahre am besten verkauft hat. Vielleicht, weil der Roman trotz seines sehr lokalen Themas etwas Universelles berührt. Es erzählt vom Verhältnis zwischen Minderheiten und Mehrheiten – sprachlich, ethnisch, religiös. Das ist ein Thema, das überall auf der Welt verstanden wird. In Irland etwa wurde das Buch begeistert aufgenommen, weil viele Leserinnen und Leser die Geschichte als Spiegel ihrer eigenen Erfahrungen sahen: das Verhältnis zwischen Stadt und Land, zwischen kultureller Arroganz und ländlicher Weisheit. Auch in Kanada oder in der Ukraine wurde das Buch mit großem Interesse gelesen, weil dort ähnliche Fragen nach Identität und Anerkennung sprachlicher Minderheiten bestehen. Eva schläft handelt von Südtirol, aber im Kern geht es um universelle Themen – um Zugehörigkeit, Respekt und die Möglichkeit, in Vielfalt friedlich zusammenzuleben.
K.W.: Welches Verhältnis haben Sie zu Ihren Büchern? 
F. M.: In dem Moment, in dem ein Buch veröffentlicht ist, ist es für mich abgeschlossen. Ich denke: „Das ist es. Mehr konnte ich nicht tun. Ich habe mein Bestes gegeben – jetzt gehört es der Welt.“ Ab da interessiert mich das Buch kaum noch; ich beginne sofort, über das nächste nachzudenken. Das entspricht meinem Charakter – und ich denke, dass es von Vorteil ist. – Ich bin jemand, der immer nach vorne schaut, jemand, der Zukunft produziert. Die Vergangenheit beschäftigt mich nur wenig, was paradox klingt, weil all meine Bücher vom Vergangenen handeln. Aber vielleicht kann ich gerade deshalb darüber schreiben – weil ich nicht darin verharre. Natürlich gibt es Dinge, die mir leidtun, Entscheidungen, die ich vielleicht anders hätte treffen können. Doch ich lebe nicht in diesen Gedanken. Meine Aufmerksamkeit gilt der Gegenwart und der Zukunft – den Menschen, die ich liebe, und auch meinen neuen Büchern. Danach begleite ich sie natürlich weiter, vor allem wegen der vielen Übersetzungen, aber innerlich bin ich schon längst beim nächsten Projekt.
K.W.: Wie zufrieden sind Sie mit den Übersetzungen Ihrer Bücher? 
F. M.: Ich unterscheide zwei Arten: Sprachen, die ich spreche, und solche, die ich nicht verstehe. Für Deutsch, Französisch, Spanisch und Englisch kann ich die Übersetzungen selbst lesen. Für Ukrainisch, Türkisch, Arabisch usw. muss ich mich verlassen – also let them go. Ich habe fast immer wunderbare Erfahrungen mit Übersetzerinnen gemacht, zumeist Frauen. Meine deutsche Übersetzerin Esther Hansen etwa ist großartig, ebenso meine französische Übersetzerin Danièle Valin und meine kroatische Übersetzerin Ana Badurina. Ihre Fragen sind sehr klug und tiefgründig; sie helfen mir, den eigenen Text besser zu verstehen, weil sie Details wahrnehmen, die selbst Autorinnen übersehen. Meine Mutter war Übersetzerin englischsprachiger Literatur, daher habe ich großen Respekt für diese Arbeit. 
K.W.: Haben Sie als Kind viel gelesen? 
F. M.: Ja, immer. Ich verbrachte meine Sommer in Gröden von morgens bis abends im Freien: Mit einem kleinen Zelt und einer Jause ging ich alleine in den Wald hinter unserem Haus, setzte mich ans Wasser oder zwischen die Heidelbeersträucher – und las stundenlang. Oder ich kletterte auf den riesigen Zirm-Baum vor unserem Haus und verbrachte dort oben den ganzen Tag mit meinem Buch – mit einem Seil zog ich alles Nötige wie Wasser, Essen, Bücher usw. zu mir hoch. Außerdem beobachtete ich leidenschaftlich gerne Ameisenhaufen und liebte es, in den Bächlein Staudämme zu bauen. Lesen und Natur gehörten für mich zusammen, das machte mich glücklich.
K.W.: Erinnern Sie sich, wann Sie angefangen haben zu schreiben? 
F. M.: Ich kann mich an keinen bestimmten Moment erinnern – ich habe immer geschrieben, seit ich lesen und schreiben konnte, also schon mit vier, fünf Jahren. Ich habe kleine Geschichten und sogar eine eigene kleine Zeitung entworfen, mit Texten, Illustrationen, Sport-, Kultur- und Politikseiten. Darin gab es auch Mode, Kriminalgeschichten und natürlich viel Fantasie. Schreiben und Zeichnen gehörten von Anfang an zu meinem Alltag – genauso wie Klavier spielen.
K.W.: In den letzten Jahren wird natürlich viel über Sie als Schriftstellerin gesprochen. Aber vorher waren Sie als Drehbuchautorin erfolgreich …
F. M.: Ich habe schon immer geschrieben: Als Kind habe ich Geschichten verfasst, als Jugendliche und junge Erwachsene entstanden erste Erzählungen und Texte. Um mich herum waren also alle überzeugt davon, dass ich irgendwann Schriftstellerin werden würde. Ich aber wusste, dass ich vorher mehr Lebenserfahrung sammeln musste. Meine Arbeit als Drehbuchautorin kam eher zufällig zustande. Bekannte italienische Drehbuchautoren wie Piero de Bernardi und Leo Benvenuti luden mich ein, mit ihnen zu arbeiten – sie gaben mir die Chance, meinen Namen gleichberechtigt in den Credits anzugeben. So lernte ich das Handwerk des Erzählens, auch für komplexe Geschichten. Ich schrieb viel für populäres Fernsehen, etwa die Serie „Fantaghirò“, die noch heute zu Weihnachten ausgestrahlt wird. Diese Arbeit hat mir eine solide Grundlage gegeben, um später meine Romane zu schreiben. Erst mit 40 Jahren, mit ausreichend Lebenserfahrung und Weltwissen, erschien mein erster Roman. Ich war keine junge Debütantin – ich wollte erst verstehen, worüber ich schreibe, und sicherstellen, dass ich nicht nur schreiben kann, sondern auch etwas zu sagen habe. 
K.W.: Was hat Sie dazu bewegt, vom Drehbuch zum Roman zu wechseln? 
F. M.: Nach fast 25 Jahren als Drehbuchautorin war ich irgendwann müde. Das Arbeiten im Team hat schöne Seiten, aber man ist Teil einer industriellen Maschine, und ohne Produktionsfirmen, die Geld investieren, existiert eine Geschichte nicht. Ich hatte viele fertige Ideen – darunter Eva schläft –, aber niemand wollte sie verfilmen. Also beschloss ich, daraus etwas zu machen, das auch ohne Geld existiert: ein Buch. Wenn ich einen Roman schreibe, ist er real, auch nur als Ausdruck auf Papier. Meine Erfahrung als Drehbuchautorin war dabei entscheidend. Ich hatte gelernt, komplexe Erzählstrukturen zu beherrschen, mit vielen Figuren und Zeitebenen. Nach Jahren als Head Writer für Serien mit unzähligen Folgen hatte ich keine Angst vor komplizierten Handlungsgefügen – ich kam sozusagen aus dem Bootcamp der Narratologie. Dort lernte ich Disziplin, Struktur und den Umgang mit Kritik: ständig umschreiben, besser werden, weitermachen. Das Schreiben eines Romans war dann ein Akt der Befreiung – endlich konnte ich eine Geschichte erzählen, ohne auf Zustimmung oder Geld warten zu müssen. Und ich hatte gelernt, dass Kunst immer ein Risiko bleibt: Wer etwas in die Welt setzt, muss akzeptieren, dass es nicht allen gefallen wird. Wichtig ist, weiterzumachen – nicht aus Narzissmus, sondern weil man gar nicht anders kann. Schreiben ist keine Entscheidung, sondern eine Notwendigkeit.
K.W.: Wie entsteht die Idee für ein neues Buch? 
F. M.: Ideen zu haben, ist einfach – ich, wir alle haben täglich viele. Die eigentliche Herausforderung liegt meiner Meinung darin, die richtigen auszuwählen: jene, die das Potenzial haben, sich zu einer Geschichte zu entwickeln, die mehrere Jahre Arbeit wert ist. Jeder Roman ist ein Projekt, das mindestens zwei, drei oder zumeist auch viel mehr Jahre meiner Zeit und Energie in Anspruch nimmt, deshalb muss mich das Thema wirklich begeistern. Im Moment arbeite ich an einem Buch, das im 15. Jahrhundert spielt. Ich habe intensiv recherchiert, und je mehr ich in die Geschichte eintauche, desto größer wird meine Begeisterung. Manche glauben, Ideen solle man vor Abschluss des Buches nicht preisgeben, weil sie sonst gestohlen werden könnten. Mir erscheint das absurd. Etliche Jahre Arbeit, meine Perspektive, meine Assoziationen, meine Motivationen – all das macht das Buch einzigartig. Es geht nicht nur um die Idee, sondern darum, wie ich sie lebe und umsetze. Für mich ist kreative Arbeit ein Prozess, kein statisches Objekt. Ideen können zirkulieren, geteilt werden, andere inspirieren. Das eigentliche Werk, der Roman, entsteht erst durch die Arbeit, die Recherche, den persönlichen Blick und die Zeit, die man ihm widmet. Das Buch ist das greifbare Ergebnis dieses Prozesses, aber die Kreativität selbst ist unverwechselbar und nicht kopierbar.
K.W.: Wie würden Sie Ihre Sprache, Ihren Stil, beschreiben? 
F. M.: Jedes Buch hat seine eigene Stimme. Diese Stimme ist Teil des kreativen Prozesses – sie muss gefunden werden, und wenn sie da ist, kann es keine andere sein. Auch die Struktur ist entscheidend: Jedes meiner Bücher ist ein sehr präzises, auf die Geschichte zugeschnittenes Konstrukt. Ich vergleiche das oft mit Architektur: Ein Gebäude muss funktional sein für das, wofür es gebaut wird – Krankenhaus, Museum oder Wohnhaus – und gleichzeitig ästhetisch. Genauso muss die Struktur eines Romans sowohl funktional für die Geschichte als auch „ästhetisch“ im literarischen Sinn sein. Stimme und Struktur sind für mich untrennbar. Ohne diese Klarheit kann ich nicht anfangen zu schreiben. Manche starten einfach auf Seite eins und entwickeln sich beim Schreiben, andere – wie ich – überlegen vorher Stil, Aufbau und Form des Buches.
K.W.: Welche Rolle spielt das Lektorat?
F. M.: Bis nicht das Wort „Ende“ in der ersten Fassung meines Manuskripts steht, konsultiere ich niemanden und lasse auch niemanden etwas lesen, weil ich meinem Gedankengang und meiner Strukturierung des Textes ohne äußere Einflüsse folgen muss. Ich binde meine Lektorin erst sehr spät ein, wenn das Manuskript schon sehr weit fortgeschritten ist. Zum einen habe ich in meiner fünfundzwanzigjährigen Zeit als Drehbuchautorin gelernt, meine innere Lektorin zu schulen. Zum anderen mache ich vorher einen Zwischenschritt: Die erste Fassung gebe ich, bevor ich sie erneut selbst lese, einigen wenigen, akkurat ausgewählten Beta-Readern, die mir ein ehrliches, detailliertes Feedback geben, Positives und Negatives rückmelden, sagen, was sie denken, und denen ich wiederum aufmerksam zuhöre. Dieser Austausch ist für mich zentral und sehr wertvoll, weil er zeigt, was funktioniert, und mich dazu zwingt, Entscheidungen, von denen ich absolut überzeugt bin, zu reflektieren und eine getroffene Wahl bewusst zu argumentieren. Danach folgt meine Überarbeitung, Seite um Seite, Revision um Revision, die mindestens ein weiteres Jahr oder mehr in Anspruch nimmt. Wenn ich also meine Manuskripte im Verlag abgebe, das bestätigen auch die Lektoren, sind sie bereits sehr ausgereift – nicht perfekt, weil sie bereits viele Augen gesehen und viele Köpfe Feedbacks dazu gegeben haben. Ich arbeite sehr gerne mit Lektorinnen zusammen und liebe es, jedes Wort, jeden Beistrich gemeinsam anzuschauen. Ich bin immer sehr gespannt darauf, ihre Vorschläge zu hören. Und ich habe kein Problem damit, etwas zu ändern. Im Gegenteil. Ich ändere gern meine Meinung – aber du musst mich überzeugen.

 

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