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„Mein Lufthirn, denke ich, mein Lufthirn.“

Ortstermin: Was sieht, hört und denkt eine schreibende Beobachterin über das Geschehen im Europäischen Forum Alpbach? Ein Bericht von Karin Peschka.

So ist es mit der Schüchternheit. Warum sonst suche ich im Oktober, also im Nachhinein, nach E-Mail-Adressen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Forum Alpbach, obwohl es so einfach gewesen wäre, mich vor Ort zu vernetzen. Bin ich doch selbst an jenem Samstag im August mit einem bunten Badge herumgelaufen, auf dem mein Name stand, und ein QR-Code, der direkt zu meinen Kontaktdaten führte. Und trugen nicht alle so ein Ding vor der Brust? Ein bloßer Scan per Smartphone hätte mir die Kontakte ins Adressbuch gespült – ohne Aufwand, ohne Scheu. Das EFA, das European Forum Alpbach, erschwert die Vernetzung nicht, im Gegenteil. Aber nun – das war mein Ortstermin:
Bei meiner Ankunft am späten Vormittag ist alles schön, hell, klar und freundlich. Das Leitsystem, flankiert von jungen Menschen, führt mich von der Tiefgarage zuverlässig zur Registrierung, wo ich mit erwähntem Badge und einem ordentlichen Notizbuch ausgestattet werde – was mir sehr recht ist (ich habe nur ein winziges Heftlein mit).
Beim Warten vor der Onsite-Registrierung – quasi mitten in der Orientierungsphase (ich bin zuvor noch nie in Alpbach gewesen, geschweige denn beim gleichnamigen Forum) – höre ich eine bekannte Stimme, sehe ich ein bekanntes Gesicht: Robert Prosser steht hinter der kleinen Lufthafen-Absperrung und freut sich über mich, wie ich mich über ihn. (Lufthafen – was ist mir da untergekommen. Man sieht einen Schriftsteller und denkt literarisch. Gemeint sind diese breiten Absperrbänder zur Lenkung von Menschenströmen.)
Es sind die unerwarteten Begegnungen, die einer das Ankommen leichter machen. Dabei hätte ich mit Robert rechnen können. Der Alpbacher genießt in Alpbach jenen Heimvorteil, wenn nicht gar Heimatvorteil, den ich mir für Eferding zugestehe. Ob die Heimat allerdings immer einen Vorteil darstellt? Darüber zu sprechen, bleibt keine Zeit. Robert muss zu den Vorbereitungen des Abendprogramms, welches ich schon allein des Titels wegen gern sehen würde: „Kcψ.ånt [KCHWANT] – Ein Stück über Alpbach“. Ich hätte es einplanen sollen, denn es wäre in Sachen Ortsverständnis sicher hilfreicher gewesen als der wiederholte Terrassenblick ins bergige Umland.
Warum das Ankommen durch Roberts Begrüßung leichter wird, hängt mit erwähnter Schüchternheit zusammen, die sich nicht immer überspielen lässt. Es werden zwar die Haare grau, die Frau darunter wird aber keineswegs unbefangener im Personenkontakt.
Ich möchte hier einige Worte zur Anreise einflechten, da diese bei einem Ortstermin eine gewisse Bedeutung hat – prägt sie doch den Eindruck von Umgebung, Atmosphäre, Menschen, Bauwerken, Kunst und so weiter. (Über die Abreise denke ich ähnlich.) Von Wien ging es per Zug nach Salzburg. Dort traf ich meine Cousine Gabi zum Mittagessen und nahm danach den Schienenersatzverkehr übers kleine deutsche Eck nach Wörgl – die Zugverbindung übers große deutsche Eck stand nicht zur Verfügung. Es gibt Schlimmeres, als im Komfortbus gemütlich durchs sonnenbeschienene Saalachtal gefahren zu werden. In Wörgl übernachtete ich im Gasthof Wildschönauer Bahnhof, da ein Bett in Alpbach den Spesenrahmen in tausend kleine Fetzen gesprengt hätte. Am nächsten Tag per Car-Sharing nach Alpbach: eine halbe Stunde Fahrt durch eine schöne Landschaft, während derer sich das Auto zum Ende hin einen knappen halben Kilometer gen Himmel schraubte. Ein paar Kurven genommen, funktionsgekleidete Leute links und rechts auf den Gehsteigen, vor teils hölzernen Häusern, die mit Blumenschmuck nicht geizen. Ein hübsches Dorf, so viel steht fest.
Das Congress Centrum Alpbach verrät sich, von oben betrachtet, nicht. Vögel sehen einen sanft gewellten Hügel. Oder eine Art breite, grüne Brücke. Womit eine Brücke gebaut ist – zum eigentlichen Anlass dieses Textes, dem Ortstermin, den ich in meinem Fall als die Wahrnehmung einer Veranstaltung des EFA 2025 interpretiere.
Einschub: Die Neugier lässt mich bei diesem Wortspiel im Netz nach der Kombination „Europäisches Forum Alpbach“ und „Brücke“ suchen – ich finde das „Brückenbauen“ zwischen jungen Menschen und alten Menschen oder Menschen und Disziplinen oder Forschung und Stakeholdern oder Kultur und Politik oder Theorie und Praxis oder der Wirtschaft von Land A und Land B …
Ich verzweige und verzettle mich und betrachte auf meinem Handy die in Alpbach gemachten Fotos. Besonders jene mit den Tafeln, die die EFA-Partner anzeigen: Es gibt Core-Partner (drei), Premium-Partner (sechs), Advanced-Partner (neun), Partner (achtundvierzig), Media-Partner (dreizehn) und, wenn ich mich nicht verzählt habe, neunzig Supporter. Unter all diesen Namen (aufgelistet auf alpbach.org) stoße ich –
neben ein paar Konzernen, deren Produkte ich aus Gründen meide – auf die Radikalen Töchter. 
Zurück zum baumlosen Hügel, unter dem sich, ohne sich zu verbergen, ein modernes Gebäude verbirgt, mit kühn geschwungenen Linien, Holz und Beton in angenehmem Verhältnis und erstaunlich lichtvoll durch die großen Flächen aus Glas. Die Säle sind geräumig, auch der Liechtensteinsaal, in dem von 13 bis 16 Uhr der Euregio-Jungforscher:innenpreis über die Bühne geht – was so nicht stimmt, denn die Preisverleihung findet später statt, nach der Jury-Sitzung und zu einer Zeit, zu der ich bereits ins Tal kurven muss, um den Schienenersatzverkehr nach Salzburg zu erwischen. 
Was stattfindet, ist spannend genug: Die sechs Finalistinnen und Finalisten des Bewerbs – sie forschen an verschiedenen Universitäten der Europaregionen Tirol, Südtirol und Trentino – stellen ihre Studien in kurzen Impulsreferaten der Jury und dem Publikum vor. Mein Englisch reicht aus, um diesen Vorträgen folgen zu können, und was ich an Fachausdrücken nicht verstehe, machen die projizierten Illustrationen und Animationen wett. 
Die achtköpfige Jury unter dem Vorsitz von Ulrike Tappeiner, Präsidentin der Freien Universität Bozen und Universitätsprofessorin in Innsbruck, sitzt in einer Reihe aufgefädelt an vorderster Stelle, blättert in Unterlagen, macht sich Notizen und wird nach den Vorträgen – während derer eine Anzeige gut sichtbar die zur Verfügung stehenden fünfzehn Minuten herunterzählt – kluge Fragen stellen, um kluge Antworten zu bekommen.
Dahinter das Publikum. Von den geschätzt hundert Stühlen ist ein Drittel besetzt. Ich nehme weit vorne Platz und wundere mich, warum sechs Minuten zu früh gestartet wird, wodurch die Türen wiederholt geräuschvoll geöffnet und geschlossen werden, aber das sind Kinkerlitzchen. (Ein Gedanke angesichts der leeren Reihen: Wie offen ist Alpbach für nicht zahlungskräftiges Publikum?)
Aber dann fordern die thematisch komplexen Vorträge meine Konzentration. Es ist nicht schwer, diese aufrechtzuerhalten, wenn man die Fotografinnen und Fotografen, die durch den Raum schleichen, ausblendet.
    Was habe ich erwartet? Trockene Referate zu Themen, die mich nicht sonderlich interessieren? Ich dachte, mich mehr auf die Atmosphäre und die Beobachtung einlassen zu können als auf den Inhalt. Möglich, dass darin der Grund für meine lückenhaften Notizen liegt: im Lauschen, im Schauen und in den Gedanken, die hinter all diesen Bildern, Beschreibungen und fremden Fachwörtern aufsteigen.
Nehmen wir etwa das Referat der späteren Gewinnerin des Jungforscher:innenpreises, Eva Casotti (Universität Innsbruck): Bei ihrer Observation of vortices in a dipolar supersolid geht es, wenn ich die Zusammenhänge richtig verstehe, um die Beobachtung eines supersoliden Zustands, der gleichzeitig fest und flüssig ist, und um die in diesem Kontext festgestellten Wirbel. Die Energie, mit der Eva Casotti ihre Ergebnisse präsentiert, erinnert mich an einen Freund, der mit ähnlich ansteckender Begeisterung und nicht nur von Berufs wegen mathematische und physikalische Phänomene erklärt, sodass ich ihn immer wieder darum bitte. Ich, mit meinem Matura-Zusatz in Mathematik und dem sehr spät erworbenen halbwegs funktionierenden logischen Verständnis, hänge – um ein altes Wort zu bemühen – an Casottis Lippen.
Elena Fogazzi (Universität Trient) stellt unter dem Titel Proton Computed Tomography: a novel imaging tool for proton therapy ein neu entwickeltes Bildgebungsverfahren für die Krebstherapie mit Protonen vor. Die präzisere Messung der Behandlung, zum Beispiel der Protonen-Reaktion im Gewebe, ermöglicht etwa eine gezieltere Bestrahlung von Tumoren. (Geliebte Menschen hab ich schon verloren durch diese Mistkerle.)
Ich will kein Geheimnis daraus machen, dass mich der Vortrag von Julia Hofmann (Universität Innsbruck) deswegen schlucken lässt, weil das Damoklesschwert einer Lebertransplantation bereits als junge Erwachsene über mir baumelte. Dass der Faden, an dem es hängt, heute nicht dünn, sondern geradezu seildick ist, verdanke ich Ärztinnen und Ärzten, die über das Gewohnte hinausblicken und nach Lösungen suchen.
Hinter dem Titel ihres Referats – Bioenergetic Function: A Predictive Biomarker to Expand the Donor Pool for Liver Transplantation – steht eine neue Methode zum Umgang mit Spenderlebern. Bei der sogenannten normothermen Maschinenperfusion werden entnommene Lebern bei Körpertemperatur untersucht, sodass Rückschlüsse auf Gesundheit und die Funktion des Organs gezogen werden können. Das ermöglicht, verlässlicher zu entscheiden, ob eine Leber für die Transplantation geeignet ist. Und sie sogar vorzubereiten, quasi aufzupäppeln, für den Einsatz in einem fremden Menschen.
Nach dem letzten der sechs Vorträge spreche ich Julia Hofmann an – noch im Nachhall jener Emotionalität, die mich manchmal überfällt, werde ich ohne Absicht auf das eigene Wundsein gestoßen, auf das in mir schlummernde Ding. Ich stottere eine Begrüßung und eine Erklärung und warum ich hier bin und Autorin und dies und jenes, und weshalb ich ihr den Sieg wünsche, die persönlichen Gründe andeutend. Wir unterhalten uns kurz, sie ist sehr freundlich. Ich frage, ob ich sie anschreiben darf für diesen Text, worauf sie auf ihren Badge deutet. Aber ich winke ab, ich würde ihren Kontakt auch so finden. Um das Smartphone herauszuholen, die Kamera zu aktivieren und auf den QR-Code zu richten, dafür reicht in diesem Moment mein Mut nicht. 
(Bisher habe ich Julia Hofmann, die hinter Elena Fogazzi den dritten Platz belegte, nicht angeschrieben.)
Valentin Wett (Universität Innsbruck) hingegen stelle ich mich in einer Pause zwischen den Vorträgen vor. Wieder scanne ich keinen QR-Code, aber wir landen sofort beim Du. Valentins Studie interessiert mich aus anderen Gründen: Vor rund vierzehn Jahren bin ich nach langer Zeit noch einmal zurück in die Rolle der diplomierten Sozialarbeiterin gerutscht. Die Burschen, mit denen ich in einer Art integrativen Maurerlehre zu tun hatte, waren fast durchgängig ohne Schulabschluss und mit allen möglichen Problemen behaftet. Wir waren international im besten Sinn, denn zwischen Österreichern, Türken, Kurden, Tschetschenen, Kroaten, Albanern und einigen Lehrlingen aus afrikanischen Ländern herrschte eine beeindruckende Einigkeit und dem Lehrpersonal und mir gegenüber – sofern wir ehrlich und offen blieben – zeigten sie eine ebensolche Freundlichkeit. Ein Game-Changer in meinem Lebenslauf? Auf jeden Fall ein Brain-Changer. 
Valentin Wetts Studie Pathways to Integration: The Effect of Apprenticeships in Understaffed Professions on Refugee Employment ist eine perfekte, wissenschaftlich fundierte Ergänzung meiner Erfahrung. Er untersuchte, wie sich Ausbildungsprogramme in Mangelberufen auf die Integration Asylsuchender in den österreichischen Arbeitsmarkt auswirken. Zu den Ergebnissen seiner Forschung gehört die Erkenntnis, dass Teilnehmer dieser Programme durchschnittlich deutlich länger in Beschäftigung standen, dabei höhere Einkommen erzielten und seltener Sozialleistungen beziehen mussten als Personen ohne diese Möglichkeit. Eigentlich ein logischer Schluss, denke ich mir, denn eine gezielte Berufsausbildung fördert ja nicht nur bei geflüchteten Menschen die berufliche Autonomie. Warum sie nicht Asylwerberinnen und Asylwerbern anbieten? Aus Angst, sie würden bei uns bleiben? Ein Gedanke, dem Valentins sorgfältig auf Zuverlässigkeit geprüfte Studie ein Argument entgegensetzt: Es wurden keine Hinweise gefunden, dass die Teilnahme an diesen Förderprogrammen den Verbleib im Land beeinflusst.
Valentin hat mir sein Paper mit der Zusammenfassung von Forschungsweg und Ergebnissen geschickt. Darin betont er die Grenzen der Studie, etwa die Qualität und Verfügbarkeit der Daten sowie die Fokussierung auf afghanische Asylsuchende. 
Um das Schlusswort seiner Conclusio zu zitieren: „This study highlights the critical importance of targeted labor market integration programs in facilitating the economic integration of refugees. The positive outcomes observed among Afghan asylum seekers in Austria indicate that similar policies could be instrumental in addressing the broader challenges of refugee integration, offering a viable pathway to self-sufficiency and meaningful societal contribution for displaced populations.“1
Nun fehlen noch zwei Finalisten: Marco Turrini (Universität Trient) untersuchte in seiner Studie Career competences and employability growth through mentorship, wie Mentoring-Programme bereits während des Studiums unter anderem die späteren beruflichen Kompetenzen von Studierenden fördern. 
Und Saleh Hamed (Freie Universität Bozen) stellt unter dem langen Titel Integrating Sustainable Electronics and Artificial Intelligence for Plant Health Monitoring: Potential Tools for the Future of Euregio’s Agriculture eine umweltfreundliche Methode vor, um die Gesundheit von Pflanzen zu überwachen. Dabei wird eine elektrische Messmethode mit künstlicher Intelligenz kombiniert, um frühzeitig zu erkennen, ob Tomatenpflanzen unter Wasser- oder Eisenmangel leiden, und diesem Mangel rechtzeitig entgegensteuern zu können. 
Es sind intensive Stunden im Liechtensteinsaal. Danach bleibt ein wenig Zeit, die Robert Prosser und ich nutzen, um uns etwas zu unterhalten. Wir werden uns in Eferding wieder sehen, im alten Gasthof meiner Familie, in dem Marianne Jungmaier und ich seit fünf Jahren die Lesereihe „dreimaldrei“ veranstalten. Robert ist im Dezember dabei. Er wird nicht aus
„Kchψ.ånt“ lesen, sondern aus seinem neuen Roman,
und, wie ich ihn kenne, nicht wirklich lesen, dafür umso mehr performen. Ich freu mich.
Und freue mich auf der Rückfahrt nach Wörgl, in Alpbach gewesen zu sein. Mein Lufthirn, denke ich, mein Lufthirn. Jetzt weiß es ungefähr, wie es im Europäischen Forum Alpbach zugeht. Und kann nun nachvollziehen, warum Kolleginnen und Kollegen mit Begeisterung darüber sprechen – und ebenfalls, warum sie es nicht tun. Ich glaube, ich habe eine Ahnung. 
In Wörgl die Versammlung der Busfahrer vor den Schienenersatzverkehrsbussen. Einer von ihnen nimmt meinen kleinen gelben Rollkoffer und vereinsamt ihn im großen leeren Gepäcksfach. Das Köfferchen bleibt nicht lang allein, aber ich habe den Sitz für mich und bin dankbar dafür. Zurück nach Salzburg geht es über die schnellere Strecke, links von mir die große Fläche des Chiemsees. Die Gedanken fliegen, wohin sie wollen. 
    In Salzburg versäume ich einen Zug, im nächsten Zug entschädigt mich ein Gespräch mit einer in München lebenden, polnischen Lebensmitteltechnikerin. (Die Schüchternheit hat sich verzogen.) In Linz erwische ich herzklopfend die Lokalbahn, es ist längst Nacht und es regnet. Ein Stück des Weges vom Eferdinger Bahnhof zum Elternhaus teile ich mit einer Bekannten, der ich meinen blauen Schirm schenke. „Ein Billigsdorfer“, sage ich, in meine Wörgler Regenhaut gehüllt. „Behalt ihn ruhig“.

1   Valentin Wett, Pathways to Integration: The Effect of Apprenticeships in Understaffed Professions on Refugee Employment, S. 24

 

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